Debatte um Trennungen

«Partnerschaften sind oft der Kern von grossem Schmerz»

EVP-Nationalrat Marc Jost fordert öffentlichkeitswirksam politische Massnahmen gegen Trennungen und Scheidungen. Der Autor und selbsternannte Trennungscoach Thomas Meyer hält dagegen.

Wo einmal grosse Liebe war, kann ein Scherbenhaufen bleiben. (Bild: Martin Gerten/ Keystone)

So kontrovers seine Ansichten sind, eines muss man Marc Jost lassen: Der EVP-Nationalrat hält Details aus seinem Privatleben nicht zurück. Einst erläuterte er der NZZ, was ihn an der Homosexualität seines Vaters stört – während dieser mit am Tisch sass. Vor wenigen Tagen nun verriet er dem Tages-Anzeiger Details aus seiner Ehe und öffnete dafür das Familienalbum. Der Aufhänger: Jost hatte den Bundesrat mit einem Vorstoss dazu aufgefordert, Massnahmen gegen Trennungen zu prüfen. Diese würden nicht nur «enormes Leid» verursachen, sondern seien auch teuer. Der Bundesrat lehnt das Postulat ab, nun kommt das Geschäft in den Nationalrat.

Einer, der sich mit Trennungen auskennt, ist der Autor Thomas Meyer. Seit er ein Buch mit dem Titel «Trennt euch» geschrieben hat, wird er regelmässig von Trennungswilligen kontaktiert. Nun bietet er als selbst ernannter «Trennungscoach» persönliche E-Mail-Beratungen an und hat sogar ein ChatGPT-Trennungs-Bot entwickelt.

Herr Meyer, der Bundesrat soll gegen Trennungen und Scheidungen vorgehen. Was halten Sie davon?
Das ist der völlig falsche Ansatz. Trennungen werden so noch mehr stigmatisiert. Dabei gibt es notwendige und erleichternde Trennungen. Und auch anständige und problemlose.

Zur Person

Thomas Meyer, 50, ist Schrifsteller und lebt in Zürich. Sein Debütroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» (2012) war für den Schweizer Buchpreis nominiert und ist verfilmt worden. 2017 erschien sein Ratgeber «Trennt euch!». (eba)

Partnerschaften und Familien sind der Kern unserer Gesellschaft. Trennungen verursachen viel Leid, vor allem bei Kindern. Ausserdem kosten sie den Staat ganz schön viel Geld: bei der Sozialhilfe, in der Psychotherapie, in der Bildung, bei den Gerichten. Es spricht einiges dafür, zusammenzubleiben, finden Sie nicht?
Der Kern unserer Gesellschaft ist meiner Meinung nach deren Zusammenhalt durch Solidarität, von wegen Sozialhilfe und Therapie. Und es stimmt: Trennungen sind schmerzhaft und mühsam. Aber das Leid entsteht nicht nur durch die Trennung an sich, sondern wegen dem Verhalten der Betroffenen. Für viele ist das Ende der Beziehung eine gigantische Kränkung, oft reaktiviert sie Traumata aus der Kindheit. Sehr viele schalten dann sofort auf Hass, Rache und Verbannung.

Ein Bericht des Bundesamts für Statistik über Scheidungen besagt, dass Verheiratete oder in Partnerschaft Lebende glücklicher und gesünder sind, länger leben, weniger Angst und Depressionen haben. Lassen Sie sich zumindest von diesen nackten Zahlen beeindrucken?
Das gilt vor allem für Männer. Denen wird durch die Frauen sehr viel Arbeit abgenommen. Diese hingegen sind daher glücklicher, wenn sie allein sind.

«Ein Auto bringt man jedes Jahr in den Service. In die Partnerschaft investieren die meisten Paare gar nichts. Es braucht einen regelmässigen Beziehungsservice», sagt Marc Jost. Was ist Ihre Meinung zu Partnerschaftschecks, Ehevorbereitungen und regelmässigen Beziehungstrainings?
Da hingegen hat Marc Jost völlig recht, mit jedem Wort. Allerdings fehlt eine Antwort auf die Frage nach dem «Wie». Wie pflegt man seine Beziehung, wie verbessert man seine Kommunikation? Damit sind wir völlig allein. Es genügt nicht, auf das Problem hinzuweisen, es braucht auch einen konkreten Lösungsvorschlag.

Sie verdienen mit Trennungen Geld. Sind Sie in der Frage befangen?
Ich verdiene sehr wenig Geld damit. Ich beschäftige mich mit dem Thema aufgrund meiner Hilsbereitschaft und meinem Interesse. Und habe dadurch tiefe Einblicke in das tatsächliche Beziehungsverhalten. Ich muss leider sagen, dass Partnerschaften und Familien, die Sie als Kern der Gesellschaft bezeichnen, oft der Kern von grossem Schmerz sind. Viele passen einfach nicht zusammen, viele glauben, es genüge, wenn man einander liebt, und sehr viele kommunizieren wirklich schlecht.

Aber ganz ehrlich: Wenn ich Sie frage, ob ich mich trennen soll, ist dann nicht klar, was dabei herauskommt?
Überhaupt nicht. Es zeigt nur, dass Sie unsicher sind. Es geht darum, das zu ergründen. Ich frage immer: Haben Sie das ihr oder ihm schon so gesagt wie mir jetzt? Die Antwort ist immer «Nein».