Papst-Schreiben lässt Spielraum für Geschiedene zu

Papst Franziskus macht wiederverheirateten Geschiedenen in seinem Schreiben «Amoris Laetitia» zu Ehe und Familie vage Hoffnungen auf eine Teilnahme an der Kommunion. Er plädiert an das Gewissen der einzelnen Pfarrer und Priester, die Entscheidung je nach Einzelfall abzuwägen.

Papst Franziskus, umringt von einer Menschenmenge.
Papst Franziskus, umringt von einer Menschenmenge. (Bild Wikimedia/Christoph Wagener)

Keine strikten Regeln zu Streitthemen, ein Appell an das Gewissen und ein Lobgesang auf die Liebe: Das Schreiben des Papstes zu Ehe und Familie öffnet neue Türen. Eine Revolution ist es nicht, aber Franziskus überrascht in seinem Schreiben «Amoris Laetitia» mit Selbstkritik und offenen Worten über Sex.

Bei den heiklen Streitthemen Ehe und Familie macht der Vatikan einen kleinen Schritt nach vorne – ohne jedoch an den Grundfesten der bisherigen Kirchenregeln zu rütteln.

Papst Franziskus ändert in seinem am Freitag im Vatikan veröffentlichten Schreiben «Amoris Laetitia – über die Liebe in der Familie» zwar die bestehenden Gesetze für wiederverheiratete Geschiedene nicht, lässt aber mehr Spielraum für Einzelfallentscheidungen.

Wegen der zahllosen Unterschiede konkreter Situationen sei es klar, «dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte», heisst es in dem Dokument.

Mit Blick auf die Teilnahme an der Kommunion appelliert der Papst im 188 Seiten starken Dokument an das Gewissen Wiederverheirateter und setzt auf die pastorale Kompetenz der Priester. Bisher sind Geschiedene nach einer neuerlichen Heirat in der katholischen Kirche von der Kommunion ausgeschlossen.

Beurteilung des Einzelfalles

Franziskus fordert eine «verantwortungsvolle persönliche und pastorale Unterscheidung der je spezifischen Fälle», Barmherzigkeit und Integration. «Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums», erklärt das Kirchenoberhaupt.

Mit dem Lehrschreiben fasst der 79-jährige Argentinier die Ergebnisse der beiden Bischofstreffen aus den vergangenen Jahren zum Thema Ehe und Familie mit seinen eigenen Schlussfolgerungen zusammen.

Im vergangenen Jahr hatten die Bischöfe in ihrem Abschlusspapier für eine vorsichtige Öffnung plädiert und Einzelfallprüfungen angeregt. Diese Idee greift Franziskus wieder auf, jedoch ohne verbindliche Vorgaben zu machen.

Keine Gleichstellung der Homo-Ehe

Auf das zweite Streitthema – den Umgang mit Homosexuellen – geht der Papst hingegen – ebenso wie die Synodenväter – so gut wie gar nicht ein. In einem kurzen Absatz erklärt er, jeder Mensch müsse «unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen werden». Eine Gleichstellung mit der Ehe zwischen Mann und Frau lehnt er ab.

Im Zentrum des Textes steht die Liebe mit all ihren Facetten. Dabei spricht der Papst auch ohne jede Peinlichkeit Themen wie Leidenschaft und Erotik an, die bisher in der katholischen Kirche meist ein Tabu waren. «Wir dürfen also die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen (…), sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten», schreibt er.

Franziskus erklärt zudem, nicht alle «doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen» müssten durch ein «lehramtliches Eingreifen» entschieden werden. «Es wird Aufgabe der verschiedenen Gemeinschaften sein, stärker praxisorientierte und wirkungsvolle Vorschläge zu erarbeiten», heisst es.

Bischofskonferenz begrüsst Papst-Schreiben

Die Schweizer Bischofskonferenz begrüsst das Schreiben des Papstes. Damit werde «die Türe des Unterscheidens eingeschlagen». Es gehe «vielmehr darum, eine Begleitung in allen Situationen anzubieten, auch den komplexesten, mit dem Wort Gottes als Unterscheidungsinstanz mit dem Ziel, die Wirklichkeit jedes Lebens zu beleuchten», schreibt Bischof Jean-Marie Lovey von Sitten.

Die Türe der Begleitung öffne sich «auf jene der Inklusion und nicht des Ausschlusses». Die «Inklusion» setze «die Anstrengung voraus, die Verschiedenheit zu akzeptieren, mit Andersdenkenden zu sprechen, die Teilhabe jener zu befürworten, die unterschiedliche Eignungen haben». (sda)