Pandemie trifft Transmenschen und Homosexuelle besonders heftig

Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen leiden in vielen Ländern des Südens unter Verfolgung und Armut. Die Corona-Krise verschärft die Lage. Für einige ist die Situation lebensbedrohlich.

Transmenschen leiden in der Pandemie besonders unter Gewalt und Ausgrenzung. Im Bild eine nepalesische Transfrau, die ihr Geld als Sexarbeiterin verdient. (Bild: Keystone / Narendra Shrestha)

Hunger, Obdachlosigkeit, Gewalt – die Corona-Pandemie trifft viele Lesben, Schwule und Transpersonen in armen Ländern besonders hart. «Viele von uns haben alles verloren», sagt die nepalesische Trans-Aktivistin Manisha Dhakal. Sie hätten keine Möglichkeit mehr, Geld zu verdienen, seien während des Lockdowns über Monate bei ihren Familien eingesperrt gewesen, die sie oftmals ablehnten. «Viele haben schwere psychische Probleme», schildert die Direktorin der Hilfsorganisation für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen (LSBT), Blue Diamond Society, in Kathmandu. «Wir wissen von 19 Menschen, die sich das Leben genommen haben.»

«Die Corona-Krise hat überproportionale Folgen für LSBT-Personen», erläuterte der UN-Experte für die Rechte sexueller Minderheiten, Victor Madrigal-Borloz, in einem Bericht. Die Massnahmen gegen die Pandemie verstärkten Ausgrenzung und Gewalt, der sie bereits davor ausgesetzt gewesen seien. «Sie sind öfter arm, obdachlos und ohne Zugang zu medizinischer Versorgung.» Zudem verdienten sie ihr Einkommen überdurchschnittlich häufig im informellen Sektor und verfügten nicht über einen Vertrag oder eine Versicherung. Auch arbeiteten sie oft in Bereichen, die von Anti-Corona-Massnahmen besonders betroffen seien wie Gastronomie, Tourismus, Handel, Reinigung und Prostitution.

«Wenn du eine LSBT-Person bist und finanziell privilegiert, trifft dich die Pandemie in den meisten Teilen der Welt nicht schwerer als andere.»
Aktivistin Neela Ghoshal über den Zusammenhang von Armut und negativen Pandemie-Folgen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch betont dabei den sozialen Aspekt: Die Infektionsraten unter armen Menschen seien allgemein höher, der Verlauf der Krankheit öfter schwer und die finanzielle Belastung grösser, sagt die LSBT-Expertin Neela Ghoshal in Washington. Das Hauptproblem sei die Armut. «Wenn du eine LSBT-Person bist und finanziell privilegiert, trifft dich die Pandemie in den meisten Teilen der Welt nicht schwerer als andere.» Deshalb müsse beim Blick auf die Lage sexueller Minderheiten viel mehr differenziert und der Fokus vor allem auf arme Homosexuelle und Transpersonen gelegt werden, auch von LSBT-Organisationen.

Für Pandemie verantwortlich gemacht

In Uganda setzt sich die Organisation Farug für die Rechte von lesbischen, bisexuellen und queeren Frauen ein. Die Ablehnung von LSBT-Personen sei seit Beginn der Pandemie stärker geworden, erzählt Leiterin Ssenfuka «Biggie» Warry: «Es ging das Gerücht um, wir hätten das Virus ins Land gebracht.» Zudem könnten Homosexuelle durch die Ausgangssperren ihrem Umfeld nicht mehr so gut aus dem Weg gehen. «Familien und Nachbarn haben viel mehr mitbekommen als sonst.» Beschimpfungen und Angriffe hätten zugenommen. «Drei unserer Mitglieder wurden vergewaltigt, wollen es aber aus Angst vor den Folgen nicht melden.»

«Die finanziellen Schwierigkeiten, die Angst entdeckt zu werden und die ungewohnt viele Zeit auf engem Raum haben für mehr Streit gesorgt.»
Ssenfuka Warry, Aktivistin in Uganda, über die Zunahme von Gewalt in queeren Beziehungen.

In Uganda ist Homosexualität verboten, sexuelle Handlungen zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts können mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden. Auch die Gewalt innerhalb gleichgeschlechtlicher Paare habe wegen der Einschränkungen zugenommen, sagt Warry. «Die finanziellen Schwierigkeiten, die Angst entdeckt zu werden und die ungewohnt viele Zeit auf engem Raum haben für mehr Streit gesorgt.» Und das fördere wiederum den Hass der Nachbarn.

Mehrfache Minderheiten

Auch die kolumbianische Aktivistin Marcela Sánchez sieht eine Zunahme der Gewalt, vor allem in Gebieten, die besonders vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg in dem südamerikanischen Land gebeutelt sind. «In diesen Regionen, wo sich die Rebellen zurückgezogen haben, aber der Staat wenig präsent ist, gibt es seit Beginn der Pandemie kaum noch Schutzmechanismen für LSBT-Personen», sagt die Direktorin der Organisation Colombia Diversa. Vor allem queere Angehörige der afrokolumbianischen Minderheit seien erpresst, bedroht, verprügelt und mindestens vier von ihnen ermordet worden.

Besonders schwierig ist es auch für Jugendliche, die bei ihren Familien quasi eingesperrt und deren Ablehnung ausgesetzt sind oder sich verstellen müssen. «Viele haben schwerwiegende psychische Probleme», sagt Sánchez.

Transmenschen besonders betroffen

Am kompliziertesten ist die Lage jedoch für Transmenschen, darin sind sich die Expertinnen einig. Sehr viele Anträge bei einem Nothilfe-Fonds der Organisation Outright Action International weltweit seien zumindest zu Beginn von Transpersonen gestellt worden, erläutert Menschenrechtlerin Ghoshal. «Das zeigt, dass Transpersonen überall auf der Welt besonders arm sind, weil sie besonders diskriminiert werden.» Das liege auch daran, dass sie oftmals noch sichtbarer gegen die Geschlechternormen verstiessen als Lesben und Schwule. Das führe zu einer noch grösseren Benachteiligung bei der Jobsuche und mache sie noch anfälliger für Gewalt – auch während der Corona-Krise.

«Dabei definiert nicht nur die Polizei, wer auf der Strasse sein darf oder nicht. Auch Privatpersonen fühlen sich dazu berufen – teilweise mit Gewalt.»
Marcela Sánchez, Aktivistin, über Ausgangssperren in Kolumbien.

In Nepal hätten einige Transmenschen erfolglos versucht, die staatlichen Hilfspakete zu erhalten, sagt Aktivistin Dhakal. «Viele andere haben es daraufhin gar nicht erst probiert.» In Kolumbien haben Transpersonen Sánchez zufolge Probleme bei den Ausgangssperren, weil viele aus Mangel an Alternativen von der Prostitution leben. Aber auch, weil es geschlechtsspezifische Ausgangssperren gebe, bei denen nicht berücksichtigt werde, dass bei Transpersonen die gelebte Identität nicht mit dem Geschlecht auf dem Ausweis zusammenpasse. «Dabei definiert nicht nur die Polizei, wer auf der Strasse sein darf oder nicht. Auch Privatpersonen fühlen sich dazu berufen – teilweise mit Gewalt.» (epd)