Missbrauchsstudie

Über 100 Betroffene beim Franziskanerorden

Eine Studie dokumentiert zahlreiche Fälle von Kindesmissbrauch beim Franziskanerorden in Deutschland. Provinzialminister Markus Fuhrmann bittet die Betroffenen um Vergebung.

Mehr als 100 meist minderjährige Jungen sind in Einrichtungen des Franziskanerordens seit 1945 sexuell missbraucht worden. Das geht aus einer in München veröffentlichten Studie zu sexualisierter Gewalt im Franziskanerorden in Deutschland hervor.

Insgesamt seien 98 Tatverdächtige ermittelt worden, sagte Peter Caspari. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung, das unter anderem den Missbrauch bei den christlichen Pfadfinderinnen und Pfadfinder untersucht (ref.ch berichtete) und auch die aktuelle Studie erarbeitet hat.

Die 450 Seiten starke Studie erfasse aber nur die Spitze des Eisberges: Das Dunkelfeld von Beschuldigten und Betroffenen sei um ein Vielfaches höher, sagte Caspari. 75 Prozent der Betroffenen sind laut Studie männlich, die Mehrheit war zu Tatbeginn zwischen 10 und 15 Jahre alt. Die meisten Übergriffe geschahen in pädagogischen Einrichtungen.

Der Betroffenenvertreter Peter Krosch sagte, die Studie sei «überfällig» gewesen. Krosch hatte als Kind in Vossenack in Nordrhein-Westfalen, wo die Franziskaner ein Gymnasium und ein Internat betreiben, sexualisierte Gewalt erlebt. Der Ordensleitung warf er zeitliche Verschleppung, eine jahrelange Vertuschungspraxis und Wegducken vor. «Diese Verantwortungslosigkeit eines ganzen Systems nun schwarz auf weiss noch einmal nachlesen zu können, macht mich noch immer fassungslos.»

Provinzialminister Markus Fuhrmann, der an Spitze des Franziskanerordens in Deutschland steht, bat in seinem Statement alle Betroffenen um Vergebung. «Ich weiss, dass wir diese Vergebung nicht erwarten dürfen. Ich kann Sie nur darum bitten.» Er wolle klar Verantwortung übernehmen und Schuld innerhalb der Ordensgemeinschaft bekennen. Die Studie zeige, dass sexualisierte Gewalt Teil der Ordensgeschichte sei. «Sie dokumentiert Taten. Sie macht strukturelle Probleme sichtbar. Und sie zeigt, wie tief und wie lang die Folgen für Betroffene sein können – oft ein Leben lang.»

Die Franziskaner sind laut eigenen Angaben mit rund 13’600 Mitgliedern der weltweit drittgrösste Orden der katholischen Kirche. In Deutschland leben knapp 200 Franziskaner in mehr als 20 Klöstern. Hauptsitz der Deutschen Franziskanerprovinz ist München. (epd/ dst)

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