Deutschland

Missbrauch und spirituelle Gewalt auch bei katholischen Pfadfindern

Ein Forschungsprojekt zu sexualisierter Gewalt im grössten katholischen Pfadfinderverband kommt zu einem erschütternden Ergebnis: Der Verband sei «durchsetzt von sexualisierter Gewalt», sagen die Wissenschaftler.

Sexualisierte und spirituelle Gewalt sind in der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) ein strukturelles Problem. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Erziehungswissenschaftlern der Universitäten Marburg und Giessen. Der katholische Jugendverband sei «durchsetzt von sexualisierter Gewalt», sagte Studienautorin Sabine Maschke.

Betroffen seien vor allem Mädchen und junge Frauen bis etwa 25 Jahre. Genaue Fallzahlen konnten die Wissenschaftler nicht vorlegen, weil die Untersuchung nicht repräsentativ ist. Die Studie basiert auf Interviews etwa mit Betroffenen, Experten sowie mit Teilnehmenden eines Pfadfinderlagers. Akten aus Bistumsarchiven wurden zum Teil ausgewertet, jedoch unterstützten nur zwei Archive die Recherchen der Wissenschaftler. Die Studie untersucht die Zeit zwischen 1929 und 2022.

Zu 90 Prozent männliche Tatverdächtige

Lina Brinkmann, Betroffene sexualisierter Gewalt, schilderte, sie sei im Alter von 19 Jahren von einem älteren «Stammesvorstand» in dessen Wohnung sexuell missbraucht worden. Gegen den Mann sei ein Ausschlussverfahren vom Verband eingeleitet worden. Drei
Strafanzeigen gegen ihn seien aus Mangel an Beweisen eingestellt worden.

Laut Maschke spielten bei den Übergriffen «asymmetrische Beziehungen» zwischen Gruppenleitern und Pfadfindern oder Pfadfinderinnen sowie die Rituale bei den Treffen eine grosse Rolle. Auch der Konsum von Alkohol etwa in den Lagern oder bei Festen sei
«ein massives Problem».

In über 90 Prozent der untersuchten Fälle seien die beschuldigten Personen männlich – oft in Leitungspositionen, mehrheitlich älter als die Betroffenen, sagte Maschke. Es gebe zudem Übergriffe zwischen Gleichaltrigen, die etwa 20 bis 25 Prozent der untersuchten Fälle ausmachten. Seitens der Leitungsebenen habe es eine «gravierende Kontrolllücke» gegeben, die die Vorfälle begünstigt habe. Maschke sprach in diesem Zusammenhang auch von «institutionell gewachsener Verantwortungslosigkeit».

«Schönheitsreparaturen» reichen nicht

Die DPSG-Leitung bat die Betroffenen um Verzeihung und kündigte Konsequenzen an. Studienautorin Maschke forderte einen «echten Umbau» des Verbandes. «Hier ist es mit kleinen Schönheitsoperationen nicht getan», sagte sie. Auch der im Verband für die Seelsorge zuständige Theologe, Maximilian Strozyk, mahnte eine grundlegende Revision des Verbandes an. Die föderalen und demokratischen Strukturen des Verbandes führten dazu, dass Gruppierungen sich Massnahmen des Kinder- und Jugendschutzes entziehen könnten, sagte er.

Geplant ist laut Verband, neue Meldewege für Betroffene zu schaffen und Verantwortliche zu sensibilisieren. Zudem soll eine externe Fachberatung etabliert werden. Die DPSG ist nach eigenen Angaben mit mehr als 83'000 Mitgliedern der grösste katholische Verband von Pfadfinderinnen und Pfadfindern in Deutschland.

Im Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP), der vor allem durch die evangelische Kirche geprägt ist, kam in der Vergangenheit zu hunderten Missbrauchsfällen. Das zeigte eine Studie, die Ende Januar vorgestellt wurde (ref.ch berichtete). (epd/ gab)

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