«Mir ist nichts heilig»

Heilige Kühe, heilige katholische Kirche, heiliger Krieg, heiliger Bruder Klaus: Die kleinste reformierte Kantonalkirche der Schweiz diskutierte fünf Tage lang mit zahlreichen Prominenten über Werte und religiöse Haltungen.

Islam-Frauenrechtlerin Elham Manea und Schriftsteller Charles Lewinsky diskutieren darüber, was für sie heilig ist und was nicht. (Bild: Thomas Vaszary)

Hat der Schriftsteller Charles Lewinsky den Schweizer Buchpreis 2016 nicht erhalten, weil ihm nichts heilig ist? Wird Jacqueline Straub nicht die erste katholische Priesterin, weil sie Mühe hat mit den Begriffen «Heilige Katholische Kirche» und «Heiliger Krieg»? Auch wenn Charles Lewinsky zu Beginn der Diskussionsrunde provozierte mit «Mir ist nichts heilig!», machte er zugleich auch klar, dass er durchaus Werte habe. Und für die katholische Theologin Jacqueline Straub sind Heilige wie Bruder Klaus wichtig, selbst wenn diese nicht immer perfekt gewesen seien. «Heiligkeit ist für mich ein Gefühl», sagte Straub, die Ende November zusammen mit dem reformierten Pfarrer Andri Kober das Online-Portal preachers.news aufgeschaltet hat.

 

Von heiligen Ratten und Kühen

Eine Woche lang diskutierten im Kanton Nidwalden rund 500 Menschen an fünf Veranstaltungen über «Was mir heilig ist». Menschen wie der Stanser Gemeinderat und Jugendseelsorger Markus Elsener bekannten während eines «Offenen Singens» mit Ritual- und Kraftliedern, dass ihnen Friede, Hoffnung, Liebe, Dankbarkeit und Toleranz wichtig sind. Politologin, Islamwissenschaftlerin und Frauenrechtlerin Elham Manea machte deutlich, dass «heilig» greifbar sein müsse, nicht unantastbar. Und der tibetische Mönch Loten Dahortsang meinte: «Heiligkeit» sei sehr westlich und päpstlich geprägt. Es gebe allerdings auch viele heilige Ratten und Kühe, schmunzelte er.

 

Akzeptanz und Respekt

Journalist und Autor Romano Cuonz musste als Diskussionsleiter mitansehen, wie auch der in der westlichen Gesellschaft beinahe «heilige» Begriff Toleranz kritisch zerlegt wurde. Die Runde mit Manea, Lewinsky, Straub und Dahortsang ersetzte Toleranz durch Akzeptanz und Respekt. Charles Lewinsky, Agnostiker aus jüdischem Elternhaus, stellte sich gegen das «Gott hat es so gewollt» und die vielen Gebote und Verbote im Judentum: «Benimm dich so wie du möchtest, dass andere sich dir gegenüber benehmen», fasste er seinen Standpunkt zusammen.

 

Elham Manea, in Jemen geboren, zeigte auf, wie rasch sich Toleranz ändert. Seit 9/11 werde sie anders wahrgenommen. Vor dem Anschlag sah man sie als jemenitische Staatsbürgerin, danach als Muslimin ohne Identität. «Ich bin ein Individuum, ein Mensch, lediglich meine Religion ist der Islam.» Sie habe es satt, dass man ihr eine religiöse Identität überstülpe, sie auf ihre Religion reduziere. Es gehe viel mehr um die Identität der Liebe und nicht um Religion, Hautfarbe oder Gender. «Der Humanismus verbindet uns», sagte Elham Manea, die in den Medien vor der An’Nur-Moschee in Winterthur warnt und eine Schliessung befürwortet.

 

«Bin kein Luther von heute»

Jacqueline Straub arbeitet seit ihrem Studienabschluss diesen Sommer in einer Luzerner Kirchgemeinde und will katholische Priesterin werden. Eine Spaltung wolle sie aber nicht provozieren. Sie sei keine Heldin und wolle auch kein Luther von heute sein, könne allenfalls auch über ihren Tod hinaus darauf warten, sagte die 26-Jährige. Sie bezeichnete den angeblichen Frauenverachter Apostel Paulus als «Womanizer» und machte klar: «In Jesus Christus sind wir alle eins und gleich wie in der höchsten Stufe des Buddhismus.»

 

Der tibetische Mönch Loten Dahortsang sagte, viel wichtiger als die Geschlechterfrage sei doch, ob sich Menschen auf der Scheide zwischen Himmel und Hölle für den Himmel entscheiden würden. Während Charles Lewinsky das Judentum als starke «Macho-Religion» ansieht, stellt Elham Manea im sehr patriarchalischen Islam eine Frauenbewegung fest, die in kleinen Schritten weltweit wächst. «Wir machen es mit Liebe, nicht mit Hass.»

 

«Was uns heilig ist» stand während der «Woche der Religionen» in Nidwalden auch unter dem Eindruck der Wahl eines neuen US-Präsidenten. Der Nidwaldner Anwalt Bruno Poli brachte in einem Publikumsbeitrag das respektvolle Miteinander auf den Punkt: «Es hilft die Vermutung, dass der andere auch Recht haben könnte.»

 

Thomas Vaszary / Kirchenbote
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».