Seelsorge

«Menschen mit Long-Covid fühlen sich allein gelassen»

Der reformierte Pfarrer Gerhard Gerster betreut Menschen, die an den Langzeitfolgen von Corona leiden. Zu den körperlichen Beschwerden kommen oft Existenzängste hinzu, sagt er im Interview.

Long-Covid-Patienten leiden unter Atembeschwerden, starker Müdigkeit und Konzentrationsschwäche - oft mit gravierenden Folgen für den Alltag. (Bild: Keystone/Alessandro Crinari)

Herr Gerster, die Kirchen sind in den Spitälern bereits mit vielen Angeboten präsent. Warum braucht es eine eigene Beratungsstelle für Long-Covid-Patienten?
Long-Covid ist ein neues und komplexes Syndrom, über das wir noch nicht allzu viel wissen. Die Forschung steht hier erst am Anfang. Deshalb besteht eine grosse Unsicherheit darüber, wie man die Krankheit einschätzen soll. Die Betroffenen bekommen das zu spüren. Sie fühlen sich nicht ernst genommen und mit ihren Ängsten allein gelassen. Für diese Menschen wollten wir etwas tun.

Mit welchen Anliegen kommen die Betroffenen zu Ihnen?
Die Menschen, die unsere Hilfe suchen, leiden unter schweren körperlichen Symptomen. Besonders belastend sind eine starke Müdigkeit und kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsprobleme. Das alles ist sehr beängstigend für sie, denn plötzlich wissen sie nicht mehr, was sie sich selbst zumuten können. Es ist so, als hätten sie ihr vertrautes Koordinatensystem verloren. Mit welchen konkreten Sorgen sie dann zu uns kommen, hängt aber auch stark von der Lebenssituation ab.

Beratung für Long-Covid-Betroffene

In Basel-Stadt haben die Evangelisch-reformierte Kirche, die Römisch-Katholische Kirche und die Christkatholische Kirche gemeinsam eine Beratungsstelle für Long-Covid-Betroffene ins Leben gerufen. Das Angebot ist dem «Begegnungszentrum Cura» des Claraspitals angegliedert, das die medizinische und psychosoziale Long-Covid-Beratung in der Region aufbaut. Die kostenlose Beratung richtet sich an Betroffene, Angehörige und Trauernde. (no)

Was heisst das?
Zu uns kommen Menschen jeden Alters, von der Auszubildenden bis zum Pensionierten. Bei Personen mitten im Erwerbsleben spielen oft Existenzängste eine grosse Rolle. Da ist die Sorge, den Job zu verlieren oder sogar invalid zu werden. Etwas anders sieht es bei älteren Menschen aus, die materiell abgesichert sind. Für sie stehen soziale Ängste im Vordergrund. Weil sie in ihren Aktivitäten eingeschränkt sind, fürchten sie, ihr soziales Umfeld zu verlieren oder am Ende sogar ihre Selbstständigkeit.

Zur Person

Gerhard Gerster (61) ist reformierter Seelsorger am Felix Platter-Spital für Altersmedizin und seit April bei der ökumenischen Long-Covid-Beratung in Basel. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Palliative Care, Alterspsychiatrie und Delirbereich. (no)

Wie können Sie helfen?
In unserer Beratung geben wir den Menschen den Raum, über ihre Gefühle und Gedanken zu sprechen. In Lebenskrisen ist es oft so, dass die Betroffenen keinen Zugang mehr zu ihren eigenen Ressourcen haben. Eine Herangehensweise von uns ist deshalb zu fragen, wie das Leben vor der Erkrankung war und was ihnen Freude gemacht hat. Diese Kraftquellen versuchen wir dann von neuem zu mobilisieren. Zum andern geht es aber auch darum, Lösungen für ganz konkrete Probleme zu finden.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Long-Covid-Patienten sind gezwungen, ihren Alltag neu zu organisieren. Zu uns ist eine junge Frau gekommen, die ihre Ausbildung wegen ihrer Erkrankung unterbrechen musste. Nun wiederholt sie ein Jahr und macht sich grosse Sorgen, wie sie das schaffen soll. Zusammen haben wir uns dann angeschaut, wie sie Pausen in ihren Alltag integrieren kann und welche Unterstützung es vom Arbeitgeber gibt. Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen ein Stück Normalität zurückgewinnen.