«Philosophieren heisst, sein Leben zu denken und das Denken zu leben.» Wenn Sternstunde-Gast André Comte-Sponville denkt, wirkt er jedenfalls sehr lebendig: Nicht nur redet er viel, sein Körper geht gleichsam mit den Gedanken mit. Philosophieren sei eben nicht Innehalten, kein Gegensatz etwa zum Handeln, nein: «Denken ist Arbeit.» Der Meisterdenker gestikuliert, ringt mit den Händen und beugt sich vor, um seinen Überlegungen Nachdruck zu verleihen. Moderatorin Katja Gentinetta gelingt es nur ab und an, den Redefluss ihres Gastes für Nachfragen und Themenwechsel zu unterbrechen. So kommt in der knappen Stunde vieles und auch Spannendes zur Sprache: Wir erfahren etwa, warum Sponville zum Philosophen wurde – einem kleinbürgerlichen Milieu entstammend, hätten die schwermütige Mutter und der brutale Vater ihn zu einem melancholischen und ängstlichen Kind gemacht, dem es bald schon leichter gefallen sei zu denken als zu leben. Im letzten Schuljahr erst habe er, der sehr mittelmässige Schüler, seine Liebe und sein Talent für die Philosophie entdeckt. Gerade rechtzeitig, um einer der heute populärsten noch lebenden Philosophen Frankreichs zu werden.
Im Privaten sich in Liebe, Grossmütigkeit und Demut üben
Der Rationalist und Humanist, lange Professor an der Pariser Sorbonne, Mitglied der französischen Ethikkommission und Bestsellerautor, hat zu vielem etwas zu sagen. Kritische Worte findet Sponville zum Beispiel für andere öffentliche Denker der Gegenwart: Intellektuelle, zumindest à la française, würden moralisieren und seien zu leidenschaftlich in politischen Fragen. Er selber, so Sponville, suche als Philosoph besonnen und vernunftgeleitet nach Antworten. Und von letzteren hat er viele: Der Sozialdemokrat erklärt, warum Kapitalismus amoralisch ist und warum eine Gesellschaft der Politik und Moral bedarf, die dem egoistischen Prinzip des Marktes Grenzen auferlegen. Politisch ginge es darum, gesellschaftliche Solidarität zu kultivieren, im Privaten, sich in Liebe, Grossmütigkeit und Demut zu üben. Der Anhänger der aristotelischen Tugendethik ist bekennender Atheist: Um das Gute zu suchen und nach Höherem zu streben, bedürfe es keines Gottes.
Denken ist Arbeit
Sponville ist Denkprofi, eine Einsicht jagt die nächste. Die Moderatorin leistet dem Wortgewandten kaum Widerstand, es fehlen Zweifel und die Zeit, eigene Gedanken zu fassen. Auch wenn sich bei Comte-Sponville vieles um antikes Denken dreht: Das der klassischen Philosophie eigene Verfahren des dialogischen Erörterns ist seines nicht. Schade. Denken ist Arbeit, braucht Zeit. Und Widerrede.
Sternstunde Philiosophie, SRF 1 am 27. Juli