Die Sendung hat ihren Namen diesmal verdient: Es war eine Sternstunde. Zwei Kenner des Islams debattierten kritisch, klug, fundiert und kultiviert. Und es waren nicht westliche Experten mit dem Blick von aussen, quasi Insektenforscher, nein, sie kennen den Islam von innen. Der eine, Hamed Abdel-Samad, in Ägypten geborener Politikwissenschaftler, trug seine etwas steile These vor, der Islam sei immanent faschistoid. Dieses Etikett erlaubt in der Regel keine hochstehenden Debatten. Natürlich trägt das fundamentalistische Verständnis des Islams faschistoide Züge. Das ist nicht schwierig zu erkennen. Aber sonst?
Historisch-kritische Lesart des Korans
Der Kontrahent von Abdel-Samad war Mouhanad Khorchide, sogenannter Reformtheologe, Professor in Deutschland, in Libanon und Saudiarabien aufgewachsen. Er gab Abdel-Samad hinsichtlich der Faschismus-Analogie bei den Islamisten durchaus recht, meinte allerdings, dass alle Fundamentalismen faschistoide Züge aufweisen. Khorchide interessierte sich vielmehr dafür, warum man gewisse Interpretationen des Islams für alleine gültig erkläre und andere unter den Teppich kehre. Abdel-Samad zitierte darauf Koranstellen, die das Brachiale des Islams dokumentierten. Khorchide konterte, dass man sie aus dem historischen Kontext erklären sollte, und forderte eine historisch-kritische Lesart des Korans. Damit war Abdel-Samad einverstanden, warf dafür ein, dass Khorchides Interpretation des Islams («Religion der Barmherzigkeit») selber Rosinenpickerei sei und die schwierigen Stellen des Korans ausblende. Hier zeigte sich tatsächlich eine Differenz: Gemäss Mouhanad Khorchide kann man das Konzept der islamischen Barmherzigkeit nicht historisch-kritisch erklären und damit relativieren.
Wermutstropfen Moderation
Es war hoch spannend, den beiden Wissenschaftlern zuzuhören: Hier verhandelten zwei Insider die Chancen und Risiken ihrer Religion, gehaltvoll, ohne Scheuklappen, aber auch ohne Zorn. Beide sprachen zudem ein sehr schönes, gewähltes Deutsch. Man liess sich ausreden, zollte dem anderen Respekt. So über den Islam zu reden – das hat Zukunft, ja das macht sogar Spass. Der Wermutstropfen war der Moderator Norbert Bischofberger. Er wirkte ein bisschen wie aus der Persiflage, die «Giacobbo & Müller» jeweils über die Sternstunden bringen: steif, beflissen, wächsern. Warum nicht einmal tatsächlich Viktor Giacobbo für eine Moderation in den Sternstunden nehmen? Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide hätten das bestimmt vertragen.
Sternstunde Religion, SRF 1, 14. September