«Man darf Nothilfe nicht mit Mission vermischen»

Pfarrer Matthias Schwab ist Nahost-Experte und Projektleiter für das Hilfswerk «Hilfe für Mensch und Kirche». Im Interview erklärt er, wie angesehen die Christen im Nahen Osten sind und warum ihr Verschwinden ein riesiger Verlust wäre.

Hilfe für alle, unbesehen ihrer Religion: Kinder freuen sich an einer Lieferung Textilien.
Hilfe für alle, unbesehen ihrer Religion: Kinder freuen sich an einer Lieferung Textilien. (Bild: hmk)

Herr Schwab, wann waren Sie das letzte Mal im Nahen Osten?
Letzte Woche. Ich war in der Nähe von Ramallah in den palästinensischen Autonomiegebieten. Ich arbeitete dort an einem Projekt für Chancengleichheit für Minderheiten bei Arbeit und Bildung und bildete die lokalen Projektleiter aus.

 

Welcher Art sind die Projekte von «HMK Hilfe für Mensch und Kirche»?
Das sind zum Beispiel Wiederaufbau-, aber auch Arbeitsbeschaffungs-, Bildungs-, Demokratisierungs- und auch Nothilfeprojekte. Sie sollen vor Ort Hoffnung geben und sind immer lokal verantwortet. Die ansässige Gemeinschaft muss einbezogen werden, sonst funktionieren sie nicht.

 

Wann waren Sie das letzte Mal in Syrien?
Vor einem Monat.

 

Wie gefährlich ist es, nach Syrien zu reisen?
Es variiert je nach Region und Situation. Man muss sich vorher gut informieren. Eine Einreise ist nur über den Landweg möglich. Die lokalen Partner warnen aber, wenn eine Gegend zu gefährlich ist.

 

Haben Sie keine Angst?
Ich habe Respekt. In Syrien weiss man nie, was einen erwartet. Aber wir müssen auch vor Ort sein und uns solidarisch zeigen. Man kann nicht nur via Fernbedienung Unterstützung leisten und gleichzeitig aus der sicheren Schweiz sagen: Bleibt hier. Wir ermutigen die Leute dazubleiben und nicht in den Westen abzuwandern. Die Christen gehören in der Regel zur lokalen Intelligenzija und werden dringend für den Wiederaufbau benötigt.

 

Aber theologisch gesehen spielt es keine Rolle, wo Christen leben.
Ja, theologisch gesehen ist die Kirche nicht an Geographie gebunden. Historisch-kulturell wäre es aber ein extremer Verlust, wenn die Christen aus dem Nahen Osten verschwänden. Bei Matthäus 28 heisst es zudem: «Geht hin in alle Welt und verkündet das Evangelium.»

 

Das wäre ein Missionierungsgedanke.
Die Bibel und Jesus haben einen Expansionsgedanken. Das Evangelium hat globale Bedeutung. Es geht hier aber nicht um eine dogmatische Missionierung, sondern um die Verbreitung der guten Nachricht.

 

Aber die Christen im Nahen Osten müssen ja nicht missioniert werden.
Es geht um jene, die die hoffnungsvolle Botschaft noch nicht bekommen haben. Jeder sollte die Chance haben, sich zu informieren und seine Glaubensüberzeugung selbst wählen zu können. Religionen, die einen restriktiven Umgang mit anderen Religionen ausüben, sind arme Religionen.

 

Ist Ihre Hilfe an Mission gekoppelt?
Nein. Wir sind strikt dagegen, Mission mit Not- oder Entwicklungshilfe zu vermischen. In Notsituationen geht’s zuerst darum, Leben zu retten. Raub des Eigentums und der Menschenwürde, Vertreibung und Enteignung können wir nicht tolerieren, unbesehen von der Religion der Menschen. Da wäre Mission fehl am Platz. Aber viele Menschen stellen fest, dass sie nur von der Kirche Hilfe bekommen. Das bringt sie zum Nachdenken, ohne dass man missioniert. Zu meinen besten Freunden gehören übrigens Muslime, die ganz anders denken und glauben als ich, und ich respektiere sie. Islamisten arbeiten auf eine Apokalypse hin, und gerade weil die Krise explodiert, ist es umso wichtiger, dass man vor einander Respekt hat.

 

Gerade die orthodoxen Kirchen im Nahen Osten gelten aber nicht unbedingt als besonders liberal.
Das stimmt. Aber man muss unterscheiden. Es gibt auch sehr offene orthodoxe Christen, zum Beispiel der Bischof von Hassake der assyrischen Kirche des Ostens. Ihn habe ich kürzlich im Auftrag der reformierten Zürcher Landeskirche besucht. Aber es gibt auch Diskriminierung unter den Kirchen im Nahen Osten.

 

Wie unterstützen Sie spezifisch die Christen im Nahen Osten?
Die Christen werden im Rahmen unserer Projekte unterstützt, aber die Mehrzahl der Begünstigten sind Nicht-Christen. In vielen Gebieten leiden zudem nicht die Christen am meisten. Viele Jesiden, Kurden und andere haben keine Lobby, wenn es um die Verteilung der Hilfe der grossen Organisationen geht. Hier springen oft die Christen als Vermittler ein. Sie haben zudem die Reputation, keine Kriegspartei zu sein und ihre Interessen nicht mit Gewalt durchzusetzen. Sie denken nicht religiös oder ethnisch limitiert. Das ist attraktiv für die Muslime, und sie wollen schon deshalb nicht, dass die Christen gehen. Die Kirchen sind zudem unsere natürlichen Partner vor Ort. Insofern behandeln wir sie privilegiert.

 

Die theologische Begründung für Ihre Hilfe ist die Nächstenliebe. Im Islam ist die Barmherzigkeit sehr wichtig. Worin unterscheidet sie sich von der Nächstenliebe?
Die Barmherzigkeit hat oft etwas Herablassendes, vor allem im Nahen Osten. Das sehen Sie ja schon im Bild des barmherzigen Samariters in der Bibel. Er muss sich von seinem Esel buchstäblich «herablassen», um zu helfen. Nächstenliebe ist aber existenzieller und auf Augenhöhe.

 

Sie haben eine Leidenschaft für die arabische Kultur. Sind Sie nach den jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten nicht sehr frustriert?
Ich gehe jedes Mal mit einem weinenden Auge in die Region. Es ist unglaublich, was zerstört wurde, auch an Beziehungen. Ich kannte alle Länder des Nahen Ostens vor dem Konflikt. Allerdings schwelte er schon vor dem Arabischen Frühling.

 

Ist die europäische Kolonialpolitik Schuld am Elend im Nahen Osten?
Das greift zu kurz. Die Kolonialpolitik spielt mit rein, keine Frage, aber die treibende Kraft des Extremismus ist die Religion. Das kann man sich im aufgeklärten Europa oft nicht vorstellen, welche radikale Wucht Religionen entwickeln können. Zudem: Kein arabisches Land hat eine funktionierende Demokratie. Die Muslime leiden unter schlechter Führung, Nepotismus und Korruption. Da ist nicht primär die Kolonialpolitik schuld. Man könnte aber sagen, dass die Amerikaner mit ihren Demokratievorstellungen eine neue Ideen-Kolonialpolitik betreiben, die nicht zum Nahen Osten passt.

 

Was fasziniert Sie an der orientalischen Kultur?
Sie ist unglaublich reich und diversifiziert. Was bei uns oft kalt und technisch daherkommt, ist im Nahen Osten durchdrungen von menschlicher Wärme. Das drückt sich in der Gastfreundschaft aus, die sogar über Feindesgrenzen hinweggeht.

 

Haben Sie den Koran gelesen?
Ja, im Original, und ich kenne ihn wahrscheinlich besser als die meisten Muslime, die in Europa leben.

 

Wahrscheinlich kennen Sie auch die Bibel besser als die meisten Christen, die in Europa leben.
Das ist durchaus möglich (lacht).

 


Das Hilfswerk «HMK Hilfe für Mensch und Kirche»…

… wurde 1969 vom deutsch-rumänischen lutherischen Pfarrer Richard Wurmbrand mitgegründet und hat seinen Sitz in Thun. HMK konzentrierte sich zunächst auf die kommunistischen Länder in Osteuropa, ist heute aber weltweit tätig. In Syrien und im Irak ist die HMK projektausführendes Werk des «Hoffnungsnetz», einer Nothilfe-Kooperation christlicher Hilfswerke. Regelmässig versorgt HMK über 40‘000 syrische und irakische Inlandflüchtlinge. Anfang Juni hat der reformierte Zürcher Kirchenrat einen Kredit von 25‘000 Franken für ein Projekt der HMK und der Zürcher Kirche in Hassake/Syrien gesprochen.

http://www.hmk-aem.ch/

www.hoffnungsnetz.ch