Kunst
Maler des Lichts
Turner malte aber nicht nur die Erhabenheit der Natur, sondern auch die Gewalt der modernen Maschinen: Ein Eisenbahnzug rast aus der Tiefe des Bildes nach vorne. Nur der schwarze Schornstein der Lokomotive ist scharf zu sehen, ansonsten verschwimmt fast alles in Braun, Gelb, Blaugrau. «Regen, Dampf und Geschwindigkeit» nannte Turner sein Bild von der Great Western Railway.
Ein grosses Segelschiff mit abgetakelten Masten im Schlepptau eines Dampfbootes, das Rauch und Feuer in den roten Abendhimmel spuckt: Die «Temeraire» wird 34 Jahre nach der Seeschlacht von Trafalgar (1805) zum Abwracken transportiert. An das nationale Ereignis des Sieges der britischen Flotte über die französische knüpft die moderne Technik der Seemacht an,
Frühe Begabung
Als Sohn eines Friseurs in London geboren, zeigte Joseph Mallord William Turner schon früh Talent, das sein Vater erkannte. Er stellte Zeichnungen des Jungen in seinem Barbierladen aus und weckte so das Interesse zahlungskräftiger Förderer. Später verwaltete er Haushalt und Finanzen seines unverheirateten Sohnes und wurde sein Gehilfe, der ihm die Leinwände aufspannte und grundierte. Mit 14 Jahren trat William Turner in die Kunstschule der Royal Academy ein, der er sein Leben lang verbunden blieb.
Von Anfang an ging der enorm produktive Künstler bei der Vermarktung seiner Werke zielstrebig vor – und war erfolgreich. Bald konnte er von seiner Malerei leben und brachte es zu Wohlstand. Zeitgenossen beschreiben ihn als wortkarg, schrullig oder schroff, auf jeden Fall eigenwillig. Ab 1798 war er viele Jahre mit der Witwe Sarah Danby verbunden, mit der er zwei Töchter hatte. Und seit den frühen 1830er Jahren bis zu seinem Tod war die verwitwete Sophia Caroline Booth seine Lebensgefährtin. In seinem letzten Wohnort Chelsea nannte er sich «Mr. Booth», um unerkannt zu bleiben.
Gespachtelt, gekratzt, geschabt
Entsprach sein frühes Schaffen noch dem Zeitgeschmack der Romantik, so fand er immer stärker zu seinem eigenen, unverwechselbaren Stil. Zunächst war das Aquarell seine bevorzugte Technik, in der er früh eine hohe Perfektion erreichte. Vieles probierte er aus und wandte das Prinzip des Aquarells, das Zerfliessende, Unbestimmte, auch auf die Malerei mit Ölfarben an. Er hat in seinen Bildern gespachtelt, gekratzt, geschabt und dazu Pinselstiel, Palettmesser und Hände gebraucht.
Hatte er Vorbilder? Claude Lorrain (1600-1682), jener französische Maler des Barock, der wohl als Erster und lange als Einziger die Sonne als Lichtquelle malte, hat ihn geprägt. Das Gegenlicht der tief stehenden Morgen- oder Abendsonne wird zum häufigen Motiv William Turners.
Er war viel unterwegs. Von seinen Reisen durch Grossbritannien
Unterschiedliche Blicke auf Turner
Vielen gilt William Turner als Vorläufer des Impressionismus. Als die französischen Impressionisten 1882 in London ihre Werke ausstellen wollten, erklärten sie, dass ihnen in ihrem Bestreben, die genaue Beobachtung von Natur, Bewegung und Licht darzustellen, «der grosse Meister der Englischen Schule, der erhabene Turner, vorausgegangen» sei.
Andere, wie der Biograf Boris von Brauchtisch, sehen in ihm einen Naturalisten. Wieder andere halten ihn für einen Vorläufer des Expressionismus oder gar der Abstraktion. Durch die Rezeptionsgeschichte seit Turners Tod zieht sich die Diskussion, welchen Stil er vorweggenommen habe.
Dazu meint der Kunsthistoriker Sam Smiles von der Universität Exeter: Die Abwägung, ob Turner spätere Entwicklungen antizipiert habe, «ist tatsächlich keine ganz einfache Angelegenheit, denn das Argument, dass seine Gemälde auf eine Art in die Zukunft wiesen, ergab sich aus der Rückschau und liess nur jene Aspekte seines Werkes gelten, die prophetisch erschienen, während es andere Elemente, die den Bezug zur Tradition wahrten, schlicht ignorierte.»