Lest Bücher! Neue Fachbücher zu Theologie und Religion

Sterbeberichte von Schwerkranken und Demokratie unter Druck: Um diese Themen geht es in den Fachbuch-Tipps von «bref», dem Magazin der Reformierten.

Schreiben gegen die Isolation

Was bewegt Menschen, die mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert sind? Die Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff hat sich in ihrem neuen Buch mit Sterbeberichten von Schwerkranken befasst. Sie dokumentieren die Hoffnung, dem Verstummen etwas entgegenzusetzen.

Seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts scheint sich ein neues literarisches Genre herauszubilden: die autobiografische Sterbeliteratur. Menschen, die mit der Diagnose einer potentiell tödlichen Krankheit konfrontiert sind, halten schriftlich fest, wie sie ihre Krankheit erleben und was es bei ihnen auslöst, auf den bevorstehenden Tod zuzugehen. In «Ein letztes Buch» stellt die an der Berner Fachhochschule arbeitende Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Corina Caduff neun Beispiele solcher autobiografischer Sterbeliteratur vor. Sie gibt kurze Auszüge aus den entsprechenden Werken wieder und kommentiert diese jeweils in einer Einführung.

Die vorgestellten Autoren sind der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief, die Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert, der britisch-amerikanische Publizist Christopher Hitchens, die australische Schriftstellerin Cory Taylor, die britische Schriftstellerin Jenny Diski, der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy, der aus Irland stammende jesuitische Theologe Michael Paul Gallagher, der amerikanische Neurochirurg Paul Kalanithi und die amerikanische Juristin Julie Yip-Williams. Alle erhielten die Diagnose Krebs, alle ausser Ruth Schweikert sind daran gestorben.

Die dargestellten Texte wollen nicht hochstehende Literatur sein. Ihre Besonderheit liegt in der Perspektive existenzieller Betroffenheit, aus der heraus die Autorinnen ihre Konfrontation mit Krankheit und Sterben beschreiben und interpretieren. So spiegeln die Texte «eine Expertise des Sterbens, die nur Sterbenden selbst eigen ist», wie Corina Caduff schreibt. Sie dokumentieren, was für Fragen sich stellen, was für Ängste auftauchen, um wen und um was sich Menschen sorgen, wenn sie mit der Diagnose einer tödlichen Krankheit leben müssen. Und wie das wohlmeinende, aber zuweilen hilflose Verhalten von Angehörigen und Freunden auf sie wirkt.

Natürlich erleben alle genannten Autoren ihre Situation auf je eigene Weise. Zur Sprache kommt etwa die Ambivalenz zwischen heftigem Kampf gegen die Krankheit Krebs und der Erfahrung umfassender Ohnmacht und Passivität ihr gegenüber. Ein wiederkehrendes Thema ist die Sorge, wie es den hinterbleibenden Angehörigen gehen wird. Und natürlich stellt sich im Rückblick auf das bisherige Leben die Sinnfrage. Dazu kommt das Bangen darum, wie lange das Leben mit der Krankheit noch gehen wird und wie man die verbleibende Zeit gestalten soll.

Die Sterbetexte können verstanden werden als ein Versuch ihrer Verfasserinnen, gegen die empfundenen Sinnlosigkeit der Krankheit anzukämpfen, dem Verstummen etwas entgegenzusetzen, was das Gespräch mit anderen (den potenziellen Lesern) aufrechterhält. Corinna Caduff schreibt: «Mit der Veröffentlichung von Sterbeberichten wendet man sich gegen die Isolation und Vereinzelung: Man will gesehen und gehört werden, und sei es postum.»

Die meisten Autorinnen gehen ohne tragende religiöse Verwurzelung auf ihr Sterben zu. In manchen Beispielen zeigt sich gar eine mitunter polemische Auseinandersetzung mit undifferenzierten religiösen Versatzstücken aus ihrer Biografie. Etwa wenn Schlingensief schreibt: «Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln.» Das einzige – allerdings eindrückliche – Beispiel, wie eine existenziell tiefgründige, theologisch aufgeklärte christliche Spiritualität den Sterbeprozess hilfreich unterstützen kann, ist der Beitrag von Michael Paul Gallagher. Nüchtern-realistisch beschreibt er die spirituelle Spannung, die er durchlebt. Einerseits erfährt er: «Der Glaube kann so leer und lichtlos sein. Nur ein müdes Durchhalten. Für die körperliche Situation macht Gott keinen fühlbaren Unterschied.» Andererseits hält er fest: «Mein Glaube schien mir noch nie so real, weil ich entdecke, dass Gottes stille Realität in all dem bei mir ist.»

Wer sich der Erlebenswelt von Sterbenden annähern und sie verstehen will, findet in dem Band Anregungen und Anschauungsmaterial, die zu bedenken sich lohnen kann.

Corina Caduff (Hg.): «Ein letztes Buch. Autorinnen und Autoren schreiben über ihr Sterben». Rüffer & Rub, Zürich 2023; 288 Seiten; 35 Franken.

Der Rezensent Heinz Rüegger ist Theologe, Ethiker und Gerontologe. 

Raus aus dem Aggressionsmodus

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa ist nicht gerade für kurze und leicht zugängliche Texte bekannt. Dass er seine Analyse der Spätmoderne auch in wenigen Worten auf den Punkt bringen kann, zeigt er dafür immer wieder in Interviews oder Vorträgen. So geschehen am Würzburger Diözesenempfang Anfang 2022. Die Rede, die er dort hielt, ist als Buch unter dem Titel «Demokratie braucht Religion» erhältlich.

Was unsere heutige Gesellschaft auszeichne, sagt Rosa, sei eine Art rasender Stillstand. Wachstum habe es in der Geschichte der Menschheit zwar immer wieder gegeben. Allerdings hätten die Menschen Wachstum früher genutzt, um mit gleich vielen Ressourcen mehr zu produzieren oder mit weniger Ressourcen gleich viel zu produzieren. Unsere Gesellschaft hingegen müsse immer mehr Ressourcen aufwenden, um den Status Quo zu erhalten. Denn Stagnation führt zu Arbeitslosigkeit, Arbeitslosigkeit zu sinkenden Steuereinnahmen und sinkende Steuereinnahmen führen zu maroden Renten- und Gesundheitssystemen. Die Folge ist ein Wettlauf gegen den Stillstand, eine permanente Beschleunigung unseres Lebens, unserer Wirtschaft.

Rosa will wissen, in welchen Bereichen wir überhaupt noch wachsen können, ohne weiteren Schaden an der Umwelt anzurichten. Zum ersten Mal würden viele Menschen damit rechnen, dass es den folgenden Generationen schlechter gehen wird. Statt auf eine blühende Zukunft für die Kinder und Enkelkinder hinzuarbeiten, gehe es  darum, dem Abgrund zu entkommen. Das mache aggressiv, argumentiert Rosa. Aggressiv gegenüber Andersdenkenden, die einen am Fortkommen hindern. Politische Gegnerinnen und Gegner würden zu Feinden, die Demokratie gerate ins Wanken. An konkreten Beispielen mangelt es ihm dabei nicht. Ob Trumps Präsidentschaft, der Abstimmungskampf zum Brexit oder die Konflikte zwischen Gegnern und Befürwortern der Corona-Massnahmen: das politische Klima ist fraglos rauer geworden.

Die Lösung für dieses Problem lautet bei Rosa Resonanz. Das Konzept hat er der Physik entliehen. Dort ist von Resonanz die Rede, wenn ein Körper durch die Schwingungen eines anderen ebenfalls in Bewegung gerät: Die zwei Körper treten in eine Beziehung zueinander. Für Rosa ist Resonanz im soziologischen Sinne eine Form der Weltbeziehung. Momente der Resonanz können zwischen dem Subjekt (Menschen) und der Welt (die Natur, Gegenstände, andere Menschen) entstehen, wenn beide füreinander empfänglich sind und sich «berühren». 

Nach der Schilderung der Ausgangslage und etwas spät für den Titel des Buches bringt Rosa die Religion ins Spiel. Sie verfüge über Rituale und Räumlichkeiten, in denen Menschen ihr «hörendes Herz» trainieren können. Ein solches brauche es, um aus dem permanenten Aggressionsmodus zu kommen und mit anderen Menschen wieder in eine resonante Verbindung zu treten. Darin, ist der Soziologe überzeugt, besteht die Aufgabe und Legitimation der Religion.

Rosas Argumentation leuchtet ein. Die Stärke seines Resonanzbegriffes ist aber gleichzeitig seine Schwäche: Er ist so allumfassend, dass der Soziologe ihn zwar mit unzähligen Beispielen belegen kann. Dadurch taugt er aber nur bedingt dazu, realpolitische Schlüsse zu ziehen. Was die religiösen Institutionen konkret tun können, um Momente der Resonanz zwischen den Menschen zu fördern, bleibt somit im Dunkeln.

Hartmut Rosa: «Demokratie braucht Religion». Kösel, München 2022; 80 Seiten; 19.90 Franken.

Der Rezensent Fabio Peter ist Redaktor bei bref.