Lest Bücher! Neue Fachbücher zu Theologie und Religion

Welche Rolle spielte der Prophet Jesus im Koran? Und was für eine Bedeutung hat die alte Vorstellung von «Gastfreundschaft» heute noch? Um diese und weitere Fragen geht es in den theologischen Fachbuch-Tipps von bref, dem Magazin der Reformierten.

Der koranische Jesus

Dass sie mit Der andere Prophet. Jesus im Koran kein neues Thema aufgreifen, geben der katholische Theologe Klaus von Stosch und sein islamischer Kollege Mouhanad Khorchide gleich zu Beginn des Buches offen zu. Dass das Werk dennoch eine Besonderheit im christlich-islamischen Dialog ist, zeigt seine Entstehung: Während sechs Jahren haben die Theologen fast alle Kapitel gemeinsam erarbeitet. «Entsprechend gab es für uns beide noch nie einen Text, bei dem wir so intensiv um jede einzelne Formulierung gerungen haben», schreiben die Autoren.

Das Ergebnis ist eine spannende Auseinandersetzung mit dem koranischen Jesus, der in 108 Versen in 15 verschiedenen Suren des Korans direkt erwähnt wird. Dabei werden etwa durch eine historische Einführung zur Christologie im siebten Jahrhundert – der Entstehungszeit des Korans – die Texte in einen grösseren Kontext gebracht und anschliessend eingehend untersucht.

Die Erkenntnisse daraus tragen dazu bei, manche koranische Kritik am gegenwärtigen Christentum zu relativieren. Oft gelten die Einwände nicht pauschal, sondern für bestimmte historische Gruppierungen. Demgegenüber betonen die Autoren die besondere Rolle des Propheten Jesus im Koran als des dem «Gott Nahestehenden».

Mouhanad Khorchide, Klaus von Stosch: Der andere Prophet. Jesus im Koran. Herder, Freiburg im Breisgau 2018; 320 Seiten; 38.90 Franken.

Der Rezensent Tobias Zehnder ist Redaktor bei bref.


Gäste wider Willen

Die Migrationsdebatte ist vernarbt von Vorurteilen und Ängsten. Einen wohltuenden Kontrapunkt setzen da der Germanist Hans-Peter von Däniken und die Migrationsforscherin Martina Kamm mit ihrem Sammelband Gastfreundschaft und Gastrecht. Das Werk ist differenziert und versammelt unterschiedliche Zugänge zum Thema. Neben Karten zu den Fluchtwegen, philosophischen sowie religiösen Beiträgen ­werden auch juristische und psychologische Überlegungen ­angestellt.

Die Parteinahme für eine Kultur der Gastfreundschaft ist dabei bereits in von Dänikens Vorwort deutlich spürbar. Gastfreundschaft sei «geradezu eine uralte Konstante menschlicher Verhaltensweisen», von der auch wir als mobile Gesellschaft «schwärmen, wenn wir auf Reisen sind».

Es ist dem Band hoch anzurechnen, dass er trotz seiner klaren Position die alten Ideale von Gastrecht und Gastfreundschaft nicht unreflektiert in unsere Zeit katapultiert, sondern auch ihren Wandel sowie ihre Gefahren berücksichtigt. So erläutert der Jurist Constantin Hruschka, dass die Vorstellung von Flüchtlingen als Gästen nicht nur positive Folgen zeitigt. Ging es im römischen Recht bei der Frage des Gastrechts um das «Anrecht auf freies Quartier und Geräth und freie Zehrung», steht heute die «Frage der grundlegenden Zulassung zum Aufenthalt (ohne Anspruch auf freie Unterkunft und Verpflegung)» im Zentrum. Diese Zulassung werde immer häufiger an die Bedingung eines gewissen Wohlverhaltens geknüpft, was jedoch die Tat­sache untergräbt, dass auch Flüchtlinge bedingungslos «Träger von bestimmten Rechten» sind.

Auch die vier kurzen Beiträge von Flüchtlingen selbst zeichnen ein ambivalentes Bild von Gastrecht und Gastfreundschaft. Zwar wird letztere hochgehalten, doch kann die rechtlich bedingte Rolle des Dauergastes in Warteposition auch zur Zerreissprobe werden. Gerade diese Vielstimmigkeit macht Gastfreundschaft und Gastrecht zu einem lesenswerten Beitrag in einem nach wie vor brennenden Diskurs.

Hans-Peter von Däniken, Martina Kamm (Hg.): Gastfreundschaft und Gastrecht. Eine universelle kulturelle Tradition in der aktuellen Migrationsdebatte. TVZ, Zürich 2018; 146 Seiten; 29.80 Franken.

Der Rezensent Tobias Zehnder ist Redaktor bei bref.

Die Tipps sind erstmals in bref erschienen, dem Magazin der Reformierten. Es kann hier abonniert werden.