Krieg in der Ukraine

Moskauer Patriarch beschwört «Pflicht zum Sieg»

Der Moskauer Patriarch Kyrill rechtfertigt in einem Buch erneut den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Nun fordert ihn der Weltkirchenrat zu einem Gespräch auf. Sanktionen stehen derzeit nicht im Raum.
Der russische Präsident Wladimir Putin und Patriarch Kyrill gelten als enge Verbündete. (Bild: Oleg Varov / Keystone)
Das Wichtigste in Kürze

Was steht in dem neuen Buch von Patriarch Kyrill zum Krieg in der Ukraine?
Das vom Moskauer Patriarchat herausgegebene Buch versammelt ältere Predigten und Vorträge des Patriarchen Kyrill zum Thema Krieg. Darin ist von einer «historischen Pflicht» zum Sieg Russlands die Rede, zudem wird der Krieg als Kampf zwischen Gut und Böse dargestellt.

Wie begründet Kyrill die russische Kriegspolitik religiös?
Nach Einschätzung der Slawistin Regula Zwahlen stellt Kyrill Russland als Verteidiger der christlichen Zivilisation dar, während der Westen als Gegenspieler erscheint. Dabei greift er auf das russische Narrativ des «Grossen Vaterländischen Krieges» zurück und deutet den Ukraine-Krieg als Fortsetzung eines existenziellen Kampfes.

Wie reagiert der Weltkirchenrat auf Kyrills Aussagen?
Der Weltkirchenrat hat das Moskauer Patriarchat erneut zu einem Gespräch aufgefordert, wie dessen Vorsitzender Heinrich Bedford-Strohm gegenüber ref.ch erklärt. Einen Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche lehnt er derzeit nicht ausdrücklich ab, betont aber die Bedeutung bestehender Dialog- und Kommunikationskanäle.

Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche sorgt mit seinen Äusserungen regelmässig für Empörung. Erst vor wenigen Wochen hatte Kyrill den Bau der russischen Atombombe zum Werk Gottes erklärt. Nun gibt ein Buch zu reden, das jüngst im Verlag der russisch-orthodoxen Kirche erschienen ist.

Das rund 240 Seiten starke Werk trägt den Titel «Der Krieg – jenseits der sichtbaren Ursachen und Folgen» und kostet im Online-Shop des Verlags umgerechnet rund 7 Franken. Auf dem Cover ist der heilige Georg zu sehen, wie er mit seiner Lanze den Drachen durchbohrt.

Auf der Rückseite heisst es unter anderem, dass das russische Volk die «Kraft zum Sieg» besitze und dass es eine «historische Pflicht» dazu gebe. Es ist von Opferbereitschaft, Patriotismus und Heldentum die Rede. «Der Ausgang des Krieges ist von Gott bestimmt», heisst es weiter.

Kampf zwischen Gut und Böse

Allerdings handelt es sich nicht um neue Texte, sagt die Slawistin und Redaktorin der Zeitschrift «Religion und Gesellschaft in Ost und West» (RGOW) Regula Zwahlen auf Anfrage von ref.ch. «Es ist eine wilde Zusammenstellung von Auszügen aus älteren Predigten und Vorträgen, die Kyrill seit Kriegsausbruch gehalten hat. Es sind seine gesammelten Werke zum Thema Krieg.» Herausgegeben wurde das Buch vom Moskauer Patriarchat und damit von der Kirchenleitung.

Kyrill gilt seit Kriegsanfang als enger Verbündeter Putins und hat dessen Aggression gegen die Ukraine verschiedentlich religiös legitimiert. Das Muster sei simpel, sagt Zwahlen. «Die Weltgeschichte wird als Kampf zwischen Gut und Böse dargestellt, wobei Russland immer auf der Seite des Guten und der christlichen Zivilisation steht. Dagegen steht der Westen für das Böse.»

Dabei greife Kyrill im Buch auf das russische Narrativ des «Grossen Vaterländischen Krieges» zurück. Der Zweite Weltkrieg dient dabei als historische Schablone: Russland wird als Verteidiger gegen einen existenziellen Feind und als Retter der Zivilisation dargestellt. «In diesem Kontext erscheinen der aktuelle Krieg gegen die Ukraine und der Konflikt mit dem Westen als Fortsetzung dieses Kampfes», sagt Zwahlen.

Suspendierung gefordert

Kyrills Nähe zu Putin und seine Unterstützung des Ukraine-Feldzugs sorgen schon länger für Diskussionen. Bereits im Sommer 2022 forderten Theologen und kirchennahe Politiker eine Suspendierung der russisch-orthodoxen Kirche im Weltkirchenrat (ref.ch berichtete). Auch in der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche gab es einen ähnlichen Vorstoss. Der Weltkirchenrat lehnte solche Sanktionen bislang jedoch ab.

Zu den Unterzeichnenden gehörte damals auch Regula Zwahlen. Sie hält eine Suspendierung weiterhin für sinnvoll. «Angesichts der Entschiedenheit, mit der die russische Kirchenleitung den Krieg unterstützt, halte ich eine Fortsetzung des formellen Dialogs für schwierig», sagt sie.

Weltkirchenrat hält an Dialog fest

Auch beim Weltkirchenrat hat man die Publikation zur Kenntnis genommen. Dessen Vorsitzender Heinrich Bedford-Strohm erklärt auf Anfrage von ref.ch, dass man mit dem Moskauer Patriarchat bereits früher wegen ähnlicher Aussagen in Kontakt gestanden habe. Nun habe man erneut um ein Gespräch gebeten. «Wir erwarten, dass ein solches Gespräch in Kürze stattfindet», sagt Bedford-Strohm.

Ob ein Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche im Weltkirchenrat erneut diskutiert wird, lässt der Vorsitzende offen. Er betont: «Was wäre damit gewonnen, die letzten verbliebenen Verbindungen und Kommunikationskanäle abzubrechen, die dazu beitragen können, diesen schrecklichen und sinnlosen Krieg zu beenden?»

Zudem sei Kyrill nicht mit der russisch-orthodoxen Kirche gleichzusetzen. Der Weltkirchenrat führe Gespräche auf verschiedenen Ebenen, sagt Bedford-Strohm. «Der Dialog geht weiter, aber wir haben bislang keinen Konsens gefunden.»

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