Yves Kugelmann: «Netanyahu macht Propaganda»

Die Attentate in Dänemark zeigen, dass nicht nur Juden gefährdet sind, sagt der Chefredaktor der jüdischen Zeitschrift «Tachles», Yves Kugelmann. Die Aufforderung des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu, die Juden sollen nach Israel auswandern, bezeichnet Kugelmann als «Propaganda».

Yves Kugelmann. (Bild: zvg)

Einen differenzierten Blick auf die Medienberichte zur Angst der Juden in der Schweiz wirft der Chefredaktor der in Zürich erscheinenden jüdischen Wochenzeitschrift «Tachles», Yves Kugelmann. In der gesellschaftlich aufgeheizten Situation entwickelten die Medien oft eine Eigendynamik in der Berichterstattung, die nicht «auf Recherchen aufbaut, sondern von einer äusserlichen Wahrnehmung geleitet wird». Eine derartige Situation erlebe zurzeit Europa aufgrund der Attentate auf verschiedene Einrichtungen in Dänemark und Frankreich.

Kugelmann geht davon aus, dass sich bei den Juden in der Schweiz in der Grundhaltung zum Land nichts geändert hat, auch wenn das Sicherheitsdispositiv logischerweise «justiert» werde. In der Theorie gebe es ein Gefahrenpotential. An den Sicherheitsbehörden liege es, festzustellen, ob es ein solches auch in der Praxis bestehe.

Die Attentate in Paris und Kopenhagen hätten aber gezeigt, dass nicht nur die Juden gefährdet sind, sondern die gesamte Gesellschaft. Im Nachgang auf die Anschläge in Paris wurden allein in Frankreich dutzende Gewaltakte gegen Moscheen verzeichnet. «Es geht längst nicht mehr um die einzelnen Glaubensgemeinschaften, sondern um die Auseinandersetzung zwischen Fundamentalisten und dem Rest der Welt.»

Netanyahu «macht Propaganda am falschen Objekt»

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat die Juden in Europa zur Auswanderung in den jüdischen Staat aufgerufen. Dafür hat der «Tachles»-Chefredaktor nur ein müdes Lächeln: «Warum sollten wir! Wenn US-Präsident Barack Obama uns dazu auffordert, in die USA auszuwandern, weil dort die grösste jüdische Bevölkerung lebt, ist dies genauso absurd. Man stelle sich vor, dass Ueli Maurer oder Simonetta Sommaruga die Schweizer Juden in Israel wegen der gefährlichen Lage dort auffordern, in die Schweiz zurückzukehren!»

Es sei absolut unzulässig, wenn Netanyahu Bürger eines anderen Landes zum Auswandern aufruft. Das sei ein moralischer Eingriff in die Bürgerrechte «und Propaganda zum falschen Zeitpunkt am falschen Objekt». (kath.ch)