Kommentar

Krieg ist keine Meinung

Der Weltkirchenrat hat es verpasst, ein Zeichen gegen die Kriegstreiberei der russischen Kirchenspitze zu setzen. Damit stellt er die eigene Glaubwürdigkeit in Frage.

Der Weltkirchenrat verhängt keine Sanktionen gegen die russisch-orthodoxe Kirche, obwohl deren Leitung den Krieg in der Ukraine rechtfertigt. Im Bild: Gefechtsszene aus Mariupol. (Bild: Keystone / Reuters / Alexander)

Der Krieg in der Ukraine hat bereits Zehntausende von Opfern gefordert, fast täglich dringen neue Gräuel an die Öffentlichkeit. Seit Kriegsbeginn wird Putins Aggression von der Spitze der russisch-orthodoxen Kirche auf beschämende Weise gerechtfertigt. Damit macht sich die Kirche zur Handlangerin eines Autokraten. Zudem überhöht Patriarch Kyrill den Krieg auch theologisch als das «gerechte Gericht Gottes».

Angesichts dieser skandalösen Haltung wäre ein klares Zeichen des Weltkirchenrats (ÖRK) dringend nötig gewesen. Dessen Zentralausschuss debattierte am Wochenende unter anderem über Forderungen, die russisch-orthodoxe Kirche aus der Vereinigung zu suspendieren. Mit rund 350 Mitgliedkirchen hat der Weltkirchenrat durchaus Gewicht, seine Stimme wird auch ausserhalb der Kirchen gehört.

Keine Zweifel an Kyrills Haltung

An seinem Treffen rief der ÖRK zwar «zum sofortigen Ende des tragischen Krieges» auf und verurteilte «jeden Missbrauch der religiösen Sprache und religiöser Autorität» zu dessen Rechtfertigung. Schnell war aber klar, dass eine Suspension der russischen Kirche keine Option war. Hingegen war viel von Liebe, Verständnis und Versöhnung die Rede.

In seinem Bericht an den Zentralausschuss betonte der scheidende Generalsekretär Ioan Sauca, dass der ÖRK schon immer eine Plattform für Dialog gewesen sei. Christinnen und Christen seien dazu aufgerufen, einander zuzuhören, auch wenn sie verschiedener Meinung seien. Eine bemerkenswert unsensible Formulierung, geht es doch nicht um gewöhnliche Meinungsdifferenzen, sondern um die Rechtfertigung eines bewaffneten Angriffs. Krieg ist keine Meinung.

Dialog ist grundsätzlich ein Segen – vorausgesetzt, beide Parteien sind an einem echten Gespräch interessiert. In den vier Kriegsmonaten liess der Moskauer Patriarch aber keinen Zweifel daran, dass er Putins Kurs weiter unterstützen wird. Ein klares Zeichen in diese Richtung setzte er zuletzt mit der Abberufung des gemässigteren Metropoliten Hilarion. Und auf einen Appell des Weltkirchenrats ging der russische Patriarch inhaltlich erst gar nicht ein.

Glaubwürdigkeit verloren

Vor diesem Hintergrund ist das Argument, ein Ausschluss der russischen Kirche bestätige Kyrill nur in seinem Weltbild, obsolet. Auch der Einwand, dadurch würden jene Teile der russisch-orthodoxen Kirche bestraft, die Putins Krieg ablehnen, überzeugt nicht. So hätte sich der ÖRK zum Beispiel verstärkt mit den Priestern und Kirchenmitgliedern solidarisieren können, die sich Putins Propaganda widersetzen.

Sicher: Ein Ausschluss hätte an der Haltung der Kirchenspitze kaum etwas geändert. Zudem würde dem ÖRK ein langwieriges Ausschlussprozedere bevorstehen. Es wäre aber zumindest ein starkes Signal gewesen. Denn am Wochenende ging es nicht in erster Linie um die Bestrafung der russischen Kirche. Es ging um die Glaubwürdigkeit einer christlichen Institution, die für sich beansprucht, für die Schwachen einzustehen. Diese Glaubwürdigkeit ist nun ramponiert.