Kommentar: Eine Wahl mit schalem Beigeschmack

Der Wahlkampf um das Ratspräsidium des Kirchenbundes lässt die reformierte Kirche in keinem guten Licht erscheinen. Mit der Nichtanhörung der Gegenkandidatin Rita Famos haben insbesondere die Kantonalkirchen ihre demokratische Tradition missachtet.

Egal wer die Wahl in Schaffhausen gewinnt, es bleibe eine Wahl mit Makel, schreibt Vanessa Buff, stellvertretende Redaktionsleiterin von ref.ch. (Symbolbild: Keystone/Yoshiko Cusano)

Wer wird den Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes künftig präsidieren? Darüber entscheiden die Abgeordneten der Mitgliedkirchen am kommenden Sonntag. Bereits heute ist klar, dass die Wahl spannender wird als lange Zeit gedacht. Denn mit Rita Famos hat sich im letzten Moment eine Gegenkandidatin zum bisherigen Amtsinhaber Gottfried Locher zur Verfügung gestellt. Beide Kandidaten haben ihre Stärken sowie das Rüstzeug, um den Rat des Kirchenbundes zu führen.

Keine breite Debatte möglich

Davon abgesehen haften dieser Wahl zwei grosse Makel an. So hat sich Gottfried Locher bis zuletzt einer breiten Debatte entzogen. Dabei geht es weniger um die Kritik an seinem Rollenbild oder seinem Amtsverständnis, die in den vergangenen Wochen laut geworden ist und zu der er – reichlich spät, aber immerhin – gegenüber srf.ch Stellung genommen hat.

Viel wichtiger wäre eine inhaltliche Diskussion der Fragen gewesen, die die reformierte Kirche derzeit umtreiben – angefangen bei politischen Vorlagen wie der Konzernverantwortungsinitiative oder der Ehe für alle bis hin zu Fragen der Ökumene, des Mitgliederschwundes oder der nationalen Positionierung. Spätestens mit Bekanntwerden der Gegenkandidatur wäre eine solche Debatte wünschenswert gewesen, auch um einen Vergleich der beiden Kandidaten zu ermöglichen.

Pflicht gegenüber der Basis verletzt

Noch schwerer wiegt jedoch die Tatsache, dass die Kantonalkirchen diese Diskussion nicht eingefordert, ja sie sogar aktiv verunmöglicht haben. Sie verweigerten Rita Famos die Hearings, luden sie gar nicht erst ein oder wieder aus, nachdem Gottfried Locher auf der anderen Seite die Möglichkeit zum Vorgespräch nicht wahrnehmen wollte. Das zeigt, dass die Zeit für eine Auseinandersetzung mit Famos durchaus gereicht hätte – und lässt das Argument der Kurzfristigkeit, das nun von einigen Kritikern ins Feld geführt wird, zur faden Ausrede verkommen.

Mit diesem Verhalten haben die Kantonalkirchen nicht nur das reformierte Credo des Selberdenkens und die hochgelobte Streitkultur verraten. Sie haben auch ihre demokratische Pflicht verletzt. Denn die Abgeordneten, die die Wahl vornehmen werden, sind nicht einfach durch Gottes Wille oder irgendein Naturgesetz zu Abgeordneten geworden. Sie sind delegiert, um die Interessen der Basis zu vertreten, die selbst nicht wählen kann. Sie sind es dieser Basis schuldig, sich bestmöglich zu informieren.

Egal wie die Wahl am Sonntag ausgeht, dieser Beigeschmack wird bleiben. Und er ist nicht zum Wohl der reformierten Kirche.