«Im Kirchenbund müssen auch künftig die besten Köpfe um die Zukunft der Kirche ringen»

Ende Mai gab Pfarrerin Rita Famos ihre Kandidatur für das Ratspräsidium des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) bekannt. Im Interview äussert sie sich zur Kurzfristigkeit ihrer Kandidatur und wie sie dafür sorgen will, dass die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz Aufmerksamkeit erhält.

Stellt sich am 17. Juni zur Wahl: Pfarrerin Rita Famos. (Bild: zVg)

Frau Famos, Sie kandidieren als SEK-Ratspräsidentin und fordern den Amtsinhaber Gottfried Locher heraus. Ihre Kandidatur haben Sie zweieinhalb Wochen zuvor lanciert. Diese Kurzfristigkeit wird Ihnen nun zum Vorwurf gemacht. Warum kandidierten Sie nicht früher?
Weil ich mich tatsächlich erst zwei Tage, bevor es öffentlich wurde, für die Kandidatur entschieden habe. Es ging alles wahnsinnig schnell. Nach dem Beitrag in der Rundschau über die bevorstehende Wahl des Ratspräsidenten wurde ich nachdenklich.

Warum?
Im Beitrag wurde der amtierende Präsident überraschend klar von Kirchenleitenden kritisiert. Zum ersten Mal wurde auch öffentlich die Tatsache bedauert, dass es für dieses Amt keinen Wettstreit der Köpfe und Ideen geben soll. Das löste bei mir eine urprotestantische Reaktion aus: Kritik braucht Disput. Gespräche mit meinem Mann und mit Menschen in der Kirche hatten dann zur Folge, dass ich mich zu einer Kandidatur entschloss.

Aber ist eine ausgewogene Debatte über die Köpfe und Ziele der Kandidaten in nur zweieinhalb Wochen überhaupt möglich?
Oft müssen Schweizerinnen und Schweizer über komplexere Fragen abstimmen, als dies die Abgeordneten nächstes Wochenende in Form einer Personenwahl tun. Am Ende wird die Präsidentin oder der Präsident von der 70-köpfigen Abgeordnetenversammlung gewählt. Deren Mitglieder müssen sich ein Bild von mir machen können, und das ist möglich, weil ich seit 25 Jahren in unterschiedlichen Funktionen im Kirchendienst bin und selbst vier Jahre im Rat des Kirchenbundes war. Viele kennen mich also und werden hoffentlich ausreichend informiert eine Wahl treffen können.

«Es mangelte nicht an Zeit, sondern am Willen, mich anzuhören.»

Die meisten regionalen Vorbereitungsgruppen wollten Sie nicht anhören, oder Sie wurden – nachdem Gottfried Locher alle Einladungen für ein Duell mit Ihnen abgesagt hatte – wieder ausgeladen. Wie interpretieren Sie das?
Ich habe mit Kritik an meiner Person gerechnet, das gehört zu einem Wahlkampf. Nicht aber, dass mir systematisch das Gehör verweigert wird. Man beschied mir, dass ich nur eingeladen werden könne, wenn auch Gottfried Locher komme. Bekanntlich kam er nicht. So konnte er durch seine Absagen bestimmen, wann und wo ich eine öffentliche Plattform erhalte – oder eben nicht. Nur weil ein Präsident sagt, dass er nicht reden will, heisst das noch lange nicht, dass wir nicht darüber reden sollten. Aus demokratischer Sicht ist das bedenklich.

Die Verantwortlichen wie auch Gottfried Locher sagen, dass man so kurzfristig keine Zeit für eine Anhörung finden konnte.
Wenn nun die mangelnde Zeit als Grund genannt wird, dann ist das wohl nur die halbe Wahrheit. Ich wusste ja, dass wie vor jeder Abgeordnetenversammlung regionale Vorbereitungssitzungen stattfinden. Also der richtige Ort, um Kandidaturen zu prüfen. Kurz: Es mangelte nicht an Zeit, sondern am Willen, mich anzuhören. Paradox ist nur, dass ich zwar nicht eingeladen wurde, aber doch E-Mails erhielt, die auf diesem Weg meine Positionen in Erfahrung bringen wollten. Das tue ich natürlich gerne. Ich hätte diese aber viel lieber an den Treffen erläutert, wie ich das auch in der Romandie tun konnte.

Der Thurgauer Kirchenrat schreibt in einer Stellungnahme, dass seit geraumer Zeit eine Kampagne gegen den amtierenden Präsidenten im Gang sei. Die grosse mediale Beachtung sei ein klares Indiz dafür.
Ich war selbst überrascht von der Aufmerksamkeit, die meine Kandidatur erfuhr. Eigentlich wollte ich sie zusammen mit den Frauen, die sie in der Abgeordnetenversammlung einreichten, publik machen. Journalisten kamen mir dann aber mit ihren Recherchen zuvor. Danach ging es Schlag auf Schlag.

«Bei meiner Kandidatur geht es nicht primär um Frau oder Mann, sondern um das reformierte Verständnis von Leitung und Amt.»

Aber war das wirklich nicht von langer Hand geplant?
Menschen, die an eine grosse, jahrelange Kampagne gegen Gottfried Locher glauben, bei der sich geheime Kirchenkreise und zahlreiche Medien zusammengeschlossen haben, sind von diesem Gedanken fast nicht mehr wegzukriegen. Ich kann mich nur wiederholen: Es gab keine Kampagne.

Fakt ist aber auch: Das Ratspräsidium des Kirchenbundes war in den vergangenen Monaten regelmässig Thema in den Medien.
Das hängt wohl viel mehr damit zusammen, dass viele Menschen seit längerer Zeit ein latentes Unbehagen gegenüber der Person Gottfried Locher und seinem Amtsverständnis äussern. Dass diese Kritik irgendwann auch von den Medien wahrgenommen wird, ist doch klar. Dass sich aber die Kritiker als Gruppe organisiert haben sollen, das ist mir nie zu Ohren gekommen. Als ich dann meine Kandidatur bestätigte, versammelten sich rasch all diese Einzelstimmen auf der Unterstützerliste meiner Website.

Verstehen Sie sich eigentlich als eine Kandidatin der Frauen?
Bei meiner Kandidatur geht es nicht primär um Frau oder Mann, sondern um das reformierte Verständnis von Leitung und Amt, auch theologisch. Aber klar, es wäre ein schönes Zeichen, wenn zum 500-Jahr-Jubiläum eine Frau die Schweizer Protestanten repräsentieren würde. Wir hatten immer die Nase vorn, was die Gleichstellung der Frau anbelangt.

Sie sagen, Sie haben ein anderes Führungsverständnis als Gottfried Locher. Wo zeigt sich das?
Als Präsidentin der künftigen Evangelischen Kirche Schweiz sähe ich mich nicht als Solistin, sondern als Dirigentin. Das heisst: Mit der Vielstimmigkeit des Orchesters und den Stärken der einzelnen Instrumente würde ich dafür sorgen, gemeinsam den besten Klang zu erzeugen.

Können Sie dieses Bild konkretisieren?
Zwei Beispiele: Nachdem klar wurde, dass im Lehrplan-21-Entwurf christliche Inhalte fehlten, setzte ich mich als Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz zusammen mit Bildungsdirektoren und Vertretern von Kirchen, Freikirchen und aus dem Judentum dafür ein, dass dieser Mangel behoben wurde. Oder es gelang mir, die stockende Diskussion über die gegenseitige Taufanerkennung wieder in Schwung zu bringen. So verstehe ich Amtsführung: Integrierend die Stimmen einholen und am Ende hinstehen und ein Resultat vorzeigen. Denn für mich ist klar: Die christliche Stimme in der Gesellschaft muss gehört werden. Und das erreichen wir nur mit einer starken Ökumene zwischen allen christlichen Konfessionen, auch den Freikirchen.

Die erste Präsidentin oder der erste Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz wird massgeblich das Amt prägen. Wie wollen Sie dieses ausfüllen?
So, wie es die Abgeordnetenversammlung präzise definiert hat: Als ein Zusammenwirken der Präsidentin, des Rates und der Synode. Ich bin überzeugt, dass dies Charisma und nicht Amt verlangt. Würde ich gewählt werden, dann wäre es zudem mein Wunsch an die Mitgliedkirchen, eine grössere Vielfalt in der Synode abzubilden.

«Klar darf man auch mal provozieren. Aber dann sollte man sich danach nicht einfach aus dem Staub machen, wenn Reaktionen kommen.»

Was meinen Sie mit Vielfalt?
Eine bessere Durchmischung der Altersklassen, Geschlechter, Herkünfte und Biografien. Im Kirchenbund müssen auch künftig die besten Köpfe um die Zukunft der Kirche ringen. Als Präsidentin würde ich versuchen dies zu ermöglichen.

Soll sich der Kirchenbund zu einer Konzernverantwortungsinitiative oder einer Ehe für alle äussern?
Ja, es gibt Themen, zu denen von der Kirche ein klares Wort verlangt wird. Allerdings soll sie dies nur ausrichten, wenn die Positionen breit abgestützt sind. Danach ist es die Aufgabe des Rates, diese Haltung differenziert und sorgfältig zu kommunizieren. Und ja, es ist klar, dass es auch Positionen geben wird, die nicht allen gefallen können. Das Evangelium trägt das Widerständige in sich.

Gottfried Locher wagt es hinzustehen und mit pointierten Äusserungen auch mal die politische Korrektheit zu ritzen. Wie würden Sie der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz mehr Aufmerksamkeit verschaffen?
Ich bin mir nicht sicher, wie zielführend Gottfried Lochers demonstratives Tragen von Riesenkreuz und Priesterkragen für die Reformierten wirklich ist. Auch hinter seine provokativen Äusserungen zur Prostitution und der sogenannten «Feminisierung der Kirche» setze ich grosse Fragezeichen. Klar darf man auch mal provozieren. Aber dann sollte man sich danach nicht einfach aus dem Staub machen, wenn Reaktionen kommen.

«Nicht ich als Einzelperson verschaffe der Kirche Aufmerksamkeit, sondern die Glaubenden, die in Wort und Tat für die Sache Jesu einstehen.»

Er hat unlängst darauf hingewiesen, dass die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Auch hat er sich in der Zwischenzeit entschuldigt.
Er tat dies vier Jahre später und auch nur unter Druck. Das Problem ist das Bild von männlicher Sexualität und die Opfertheologie, die hinter diesen Äusserungen stecken. Wenn es nur um zusammenhangslose Zitatfetzen gehen würde, müsste sich niemand dafür entschuldigen. Es geht aber um schräge, weder traditionelle noch christliche Männer- und Frauenbilder: Frauen stehen für Passivität und Schwäche, Männer für Trieb und gesellschaftliche Elite. Wer mit der Aussage provoziert, dass das Elend und Leiden der Prostituierten einen Sinn haben, weil sie der Triebbefriedigung der Männer und somit dem Weltfrieden diene – und diese Provokation nur durch Entschuldigungen auszuräumen versucht – muss sich nicht wundern, wenn die Diskussion immer wieder gefordert wird.

Nochmals aber die Frage: Wie verschaffen Sie der Kirche Aufmerksamkeit?
Sicher nicht durch Provokationen oder durch mediales Draufgängertum. Zuallererst vertraue ich auf die Kraft der Gemeinschaften, die durch das, was sie tun, für sich sprechen. Sei dies bei der Flüchtlingsarbeit, im Gottesdienst, in der Jugendarbeit, in der Gefängnis- oder Spitalseelsorge. Nicht ich als Einzelperson verschaffe der Kirche Aufmerksamkeit, sondern die Glaubenden, die in Wort und Tat für die Sache Jesu einstehen. Wir sollten uns nicht fragen, wie wir mehr Aufmerksamkeit erhalten, sondern mutig das tun, was getan werden muss. Die Aufmerksamkeit kommt dann von selbst.

Welche Chancen rechnen Sie sich aus, am nächsten Sonntag gewählt zu werden?
Ich wage keine Prognose. Auf alle Fälle kann nun in gut reformierter Tradition darüber debattiert werden, welcher Kopf mit welchen Ideen der Evangelischen Kirche Schweiz künftig vorstehen wird. Diese Auswahl haben die Reformierten mit ihrer Geschichte verdient.


Dieses Gespräch war als Doppel-Interview mit Gottfried Locher und Rita Famos geplant. Nachdem Gottfried Locher zwei Anfragen von ref.ch unbeantwortet liess, haben wir uns für ein alleiniges Interview mit Rita Famos entschieden.

 

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