Kirchensteuern - Kommentar

Reden ist Silber, Handeln ist Gold

Noch füllen solide Steuererträge die Kassen der Kirchen. Das ändert sich, wenn Mitgliederzahlen sinken und die Unternehmenssteuerpflicht fällt. Umso dringlicher wäre es, nicht nur über alternative Finanzierungsmodelle nachzudenken, sondern deren Umsetzung anzugehen.

Wie finanzieren sich Kirchen künftig? Mit dieser Frage gilt es sich vertieft zu beschäftigen. (Bild: Keystone/ Alessandro Della Bella)

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Rund dreissig Prozent der Schweizer Bevölkerung ist konfessionslos. Das sind drei Mal mehr Menschen als noch vor zwanzig Jahren, Tendenz steigend. Treten mehr Frauen und Männer aus den Kirchen aus, sinken die Steuereinnahmen zwar nicht zwingend, und die Steuerpflicht entfällt erst bei Austritten von natürlichen Personen.

«Das politische Engagement der Kirchen ist nicht immer wirtschaftsfreundlich.»

Im Gegensatz dazu können Unternehmen nicht darüber entscheiden, ob sie Kirchensteuern zahlen wollen oder nicht. In fast allen Kantonen, darunter Bern, Graubünden, Zug und Zürich, müssen Unternehmen Kirchensteuern zahlen. Firmeninhaber ärgern sich über dieses «zahlen ohne mitzubestimmen». Sie befremdet nicht zuletzt das politische Engagement der Kirchen, das nicht immer wirtschaftsfreundlich ist.

Die Unternehmenssteuerpflicht wirft Fragen auf: Ist es angemessen, dass nur die Institution Kirche Steuerfranken erhält – und keine gemeinnützige Organisation wie zum Beispiel Greenpeace? Wäre es besser, von Unternehmen stattdessen freiwillige Abgaben zu verlangen, die an einen Empfänger nach Wahl gingen und so möglichst viele Institutionen profitieren liessen? Letzteres ist zumindest nicht nachhaltig. Muss gespart werden, streichen Unternehmen diese Posten zuerst. 

Präventionsarbeit leisten

Die Kirche erbringt Leistungen von gesamtgesellschaftlichem Nutzen. Sie hat darin jahrzehntelange Erfahrung, und ihre Strukturen haben sich bewährt. Im Aargau etwa pflegt Gastro-Seelsorgerin Corinne Dobler enge Kontakte zu Wirten, kehrt in Restaurants ein und stoppt in Cafés. Gerade in Zeiten einer Pandemie, von der die Gastronomie besonders betroffen ist, erweisen sich seelsorgerische Verbindungen wie diese als besonders wertvoll – auch wenn sie Mitarbeitende natürlich nicht vor einem Burnout bewahren. Sich ihre Ängste und Sorgen anzuhören, ist zumindest wichtige Präventionsarbeit.

«Das Problem ist, zu wenige Menschen wissen von den Angeboten.»

Ethische Werte im Arbeitsalltag zu leben, propagiert das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft (getragen von Basel-Stadt und Basel-Landschaft).  Die Pfarrleute begleiten Arbeitslose bei der Jobsuche und unterstützen sie darin, wieder im Berufsleben Fuss zu fassen. Das Problem bei Angeboten wie diesen ist, zu wenige Menschen wissen davon. Die Kirche dürfte ihre Arbeit noch selbstbewusster hervorheben, ganz im Sinne von «tue Gutes und rede darüber». Sie muss verdeutlichen, welche wichtigen Beiträge sie zum Wohle aller leistet.

In den letzten Jahren hat sich das Schweizer Stimmvolk stets dagegen ausgesprochen, Unternehmen von der Kirchensteuer zu befreien (zuletzt an der Landsgemeinde in Glarus im vergangenen September). Dennoch müssen sich Landeskirchen und Kirchgemeinden bewusst sein, dass Fiskalabgaben auf tönernen Füssen stehen.

Abschaffung möglich

Die Steuereinnahmen natürlicher Personen sinken immer weiter. Sollten Unternehmen dereinst doch keine Steuern mehr bezahlen müssen, brechen der Kirche auf einen Schlag enorme Summen weg.

«Der Zürcher Kirche würden 66 Millionen Franken fehlen ohne Unternehmenssteuern.»

Allein das Budget der Zürcher Landeskirche würde um 66 Millionen Franken schrumpfen, was etwa einem Drittel der Gesamteinnahmen entspricht. Selbst wenn eine Abschaffung nicht Morgen kommt, ist sie auf einen Horizont von zehn bis zwanzig Jahre gesehen durchaus ein realistisches Szenario. 

Für die Kirchen gilt es vorbereitet zu sein auf eine Zukunft mit weniger Steuergeldern. Sie täten gut daran, sich dieser Herausforderung bereits jetzt zu stellen. Das würde heissen, verstärkt darüber zu diskutieren und auch einen über-kantonalen Austausch in Finanzfragen zu pflegen. Die Solothurner Landeskirche etwa kennt eine Finanzausgleichsteuer. Dabei spricht der Staat alle sechs Jahre einen festen Beitrag, der kleiner oder grösser ausfallen kann, aber der Kirche zumindest Planungssicherheit gewährt.

Noch besser wäre, die Kirchen entwickelten baldmöglichst konkrete Alternativen. Können Liegenschaftenverkäufe das Steuerminus wett machen? Bei welchen Aufgaben ist gemeindeübergreifende Zusammenarbeit möglich, so dass Ausgaben tiefer sind? Konkrete Ideen rasch umzusetzen, muss das Ziel sein. Reden ist Silber, Handeln ist Gold.