Kein Meer, dafür Stacheldraht in den Köpfen

Wie lässt sich die Sprachlosigkeit über das Leid und das Massensterben der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer in Worte fassen? Ein zum Scheitern verurteilter Versuch von RP-Chefredaktor Mark Wiedmer.

(Bild: lau22/gemio/Wikimedia/RP)

Die Inhaltswarnung gleich vorweg: Dieser Leitartikel ist einseitig, ungerecht und undifferenziert. Er enthält keinen ausgewogen formulierten und diplomatisch breit abgesicherten Diskurs. Er dient nicht dem gutschweizerischen Interessensausgleich zwischen den staatspolitischen Kräften. Stattdessen geht er mit den Scharfmachern in der Schweizer Volkspartei (SVP) ins Gericht, kritisiert die Schweizer Regierung samt der SP-Bundespräsidentin und thematisiert schliesslich auch die verstörende Sprachlosigkeit der reformierten Kirchenspitze in der Schweiz.

Kindertod am Badestrand

Die Bereitschaft für diplomatische Worte ist dem Verfasser punktgenau am letzten Dienstagabend abhanden gekommen: beim Verfolgen der herzzerreissenden TV-Bilder, die zeigten, wie Rettungskräfte ein vor der Küste Griechenland ertrunkenes Büblein vergeblich wiederzubeleben versuchten und dann den kleinen Leichnam wegtrugen. Die erschütternden Bilder stammten vom Strand der Ferieninsel Rhodos. Dort, wo sich in ein paar Wochen wieder die europäischen Badetouristen mit Sonnenöl einreiben werden. Wie auch andernorts an den Badeküsten des Mittelmeers, diesem riesigen Massen-Friedhof für anderthalbtausend Menschen allein in diesem Jahr, allesamt Bootsflüchtlinge aus Nordafrika.

Gutes Wetter bedeutet mehr Tote

Wenn nun der Sommer mit ruhigeren Wetterbedingungen einkehren wird, dann ist absehbar, dass sich diese Opferzahlen vervielfachen werden. Ebenso wie sich die erwähnte Erschütterung über den einen Kindertod am Strand von Rhodos gleich verfünfzigfacht hat, als die Nachricht eintraf, unter den 900 Opfern des Schiffuntergangs vom Montag seien auch etwa 50 Kinder gewesen, im Schiffsrumpf eingesperrt. Genau werden wir es wohl nie wissen: weil es keine Passagierliste gibt und weil sich für ein untergegangenes Flüchtlingsschiff auch kaum eine Bergungsmaschinerie in Bewegung setzen wird wie beim Flugzeugabsturz der «germanwings»-Maschine in Südfrankreich vor einem Monat. Wer also diesen Sommer sein Badetüchlein an einem Sandstrand am Mittelmeer auslegt, sollte sich gleich in der Weite des Meeres die bislang anderthalbtausend Grabkreuze für 2015 vorstellen. Denn das Mittelmeer ist heute nichts anderes mehr als ein einziges Massengrab.

Grab der Humanität

Begraben liegt im Wasser des Mittelmeers nicht nur die fein und zu unserem Vorteil austarierte Balance zwischen dem Wohlstand in Europa und dem Elend in den afrikanischen Ländern. Beerdigt liegt im Mittelmeer auch die Handlungsfähigkeit der europäischen Regierungen und ihrer Asylpolitik. Ganz tief im Mittelmeer begraben liegt übrigens auch die humanitäre Tradition der Schweiz und die daraus abgeleitete Legitimation und Fähigkeit, sich nun zu dieser eskalierenden humanitären Katastrophe mit ihrem «Crescendo des Horrors» («Corriere della Sera») kraftvoll zu äussern.

Hilfloses Gestammel

Stattdessen gibt es hilfloses Gestammel der Schweizer Bundespräsidentin, die den Opfern der aktuellen Flüchtlingsdramen nur gerade den Beistand «in Gedanken» versichern kann und dann anfügt, ansonsten gelte es, «sich auf das Machbare zu konzentrieren». Im übrigen sei die Schweiz bereit, bei der Bewältigung des Dramas im Mittelmeer «alle Bemühungen zu unterstützen». Wie bitte? Die Schweiz nimmt also an den Bemühungen zur Bewältigung der humanitären Katastrophe nicht teil. Aber sie will «unterstützen». Keine Teilnahme, bloss Unterstützung: Genau so stellt man sich humanitären Schwachstrom vor. Und der böse Verdacht steht im Raum, die Bundespräsidentin habe sich in ihren Äusserungen so stark zurückgenommen, um zu verhindern, dass die SVP-Scharfmacher wieder mit grossen Kanonen Böllerschüsse auf sie und auf die Schweizer Migrationspolitik abgeben.

Viel zu lange geschwiegen

Und genau hier liegt der «casus knackus» in der ganzen Misere: Wir haben viel zu lange geschwiegen. Damit sind alle Kräfte mitgemeint, denen die humanitäre Tradition der Schweiz als unabdingbare Stärke unseres Landes wichtig war und ist: Wir haben viel zu lange geschwiegen! Nicht allein zur geopolitischen Entwicklung der Verhältnisse in Nordafrika und Libyen, welche die ganze mörderische Schleppermaschinerie ermöglichen.

Abbruch humanitärer Tradition

Nein, wir haben vor allem viel zu lange geschwiegen über die seit zweieinhalb Jahrzehnten anhaltende Verunglimpfung, Diskreditierung und Diffamierung einer offenen und mitmenschlichen Asyl- und Ausländerpolitik, vornehmlich durch die Schweizerische Volkspartei mit Unterstützung des Rechtsfreisinns. Und wir haben viel zu lange geschwiegen zur damit verbundenen und schrittweise vollzogenen Herabsetzung, Abwertung und zu dem Abbruch der humanitären Tradition unseres Landes. Einer humanitären Katastrophe solchen Ausmasses wie das Flüchtlingsdrama, das sich gegenwärtig zwischen der Nord- und der Südküste des Mittelmeers abspielt und in den kommenden Wochen weiter abspielen wird, müsste mit mutigem humanitärem Handeln und offensiver Grosszügigkeit begegnet werden. Stattdessen äussern sich die offiziellen Landesvertreter im inhaltlichen Flüsterton, und die amtlichen Erbsenzähler dividieren die Pro-Kopf-Aufnahmezahlen der verschiedenen Länder gegeneinander aus. Und über allem setzt sich die Vermutung durch, dass es der SVP mit gezielter Unterwanderung unserer humanitären Tradition tatsächlich gelungen ist, in vielen – und auch in reformierten – Köpfen so viel geistigen Stacheldraht aufzuziehen, dass sich die Schweiz nun mangels Mittelmeerküste vom gegenwärtigen Flüchtlingsdrama selbst dispensieren kann. Die Schweiz, früher ein Hort humanitärer Tradition und mitmenschlichen Handelns, hat zur gegenwärtigen humanitären Katastrophe auf dem Mittelmeer nichts mehr zu sagen. Deshalb die quälende Sprachlosigkeit.

Reformierte Sprachlosigkeit

Und die reformierte Kirchenspitze? Lange war auch hier nichts zu verzeichnen als quälende Wort- und Sprachlosigkeit. Selbst SEK-Präsident Locher – sonst nicht um Worte verlegen – hielt sich still. Erst am Dienstagabend veröffentlichte der SEK eine Verlautbarung des Weltkirchenrats und der Konferenz Europäischer Kirchen. Dies im Original-Wortlaut: in Englisch (sic!). So lässt sich schweizerische und reformierte Sprachlosigkeit auch in Worte fassen.