Missbrauch

Katholische Kirche braucht mehr Zeit zur Aufarbeitung

Mehr als ein halbes Jahr nach der Missbrauchs-Studie hat die katholische Kirche über den Stand ihrer angekündigten Massnahmen informiert. Konkretes gab es noch nicht. Den Betroffenen geht es zu langsam vorwärts.

«Wir kommen nicht so rasch voran, wie es nötig und gewünscht wäre», sagte Joseph Bonnemain, Bischof von Chur und Themenverantwortlicher der Bischofskonferenz, vor den Medien. In den vergangenen Monaten sei aber intensiv gearbeitet worden. Die römisch-katholische Kirche hatte im vergangenen September Massnahmen gegen sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung angekündigt. Eine Studie der Universität Zürich war zum Schluss gekommen, dass Priester und Ordensangehörige in der Schweiz seit 1950 über 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch begangen hatten – mit hoher Dunkelziffer.

Dass die Kirche mehr Zeit braucht, begründen die Verantwortlichen mit geplanten landesweiten Massnahmen wie etwa einer Anlaufstelle. Stefan Loppacher, Präventionsbeauftragter des Bistums Chur, verwies auf den Föderalismus, die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen sowie die verschiedenen Kirchenstrukturen. Um eine unabhängige Opferberatung zu garantieren, stünde man nun im Gespräch mit den staatlich anerkannten Opferberatungsstellen. Beispielsweise müsse abgeklärt werden, wie deren Zusatzaufwand entschädigt wird. Im Juni sollen erste Entscheide zur geplanten Anlaufstelle getroffen werden.

Kritik an gemächlicher Vorgehensweise

Kritik am gemächlichen Vorgehen äusserte Vreni Peterer, Präsidentin der Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Menschen im kirchlichen Umfeld (Miku). Ihr fehlt es auch Monate nach der Studie an Betreuung, wie sie gegenüber der Nachrichtenagentur sda sagte. So würden sich beim Verein viele Betroffene melden, die zum ersten Mal über ihre Erfahrungen reden würden. «Wir müssen überbrücken, bis wir endlich Anlaufstellen haben», so Peterer. Zudem komme es immer noch vor, dass Betroffene keine Reaktion auf ihre Meldung erhalten würden. «Sie kriegen nicht einmal eine Bestätigung, dass ihre Mail eingegangen ist.»

Aktenvernichtung stoppen

Bischof Bonnemain kündigte an, dass Opferberatung, Meldestellen und Fallbearbeitung entflochten und professionalisiert werden sollen. Die kircheninternen Melde- und Interventionsstrukturen seien in verschiedener Hinsicht unzureichend. Die katholische Kirche will zudem wie angekündigt einführen, dass Priester, Diakone und Mitglieder von Ordensgemeinschaften im Rahmen ihrer Ausbildung psychologische Abklärungen durchlaufen müssen. Zudem soll die gesamte Personal-Abteilung professionalisiert werden.

Weiter haben sich in einer schriftlichen Selbstverpflichtung alle kirchlichen Verantwortlichen an der Spitze von Bistümern, Landeskirchen und Ordensgemeinschaften dazu verpflichtet, entgegen den kirchenrechtlichen Vorgaben künftig keine Akten mehr im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen zu vernichten. (sda/ eba)