Karl Barth-Woche – letzter Tag: «Mich beeindruckte, wie Barth die Theologie auf den Kopf stellte»

Karl Barth ist seit fünfzig Jahren tot. Der ehemalige Pfarrer am Berner Münster, Martin Hubacher, hat Barth als Student noch persönlich erlebt.

Martin Hubacher. (Bild: Daniel Hubacher)

Am 10. Dezember vor 50 Jahren starb einer der berühmtesten Theologen des 20. Jahrhunderts: der Basler Karl Barth (1886-1968). Anlässlich seines Todestages widmet sich ref.ch dem Schweizer Kirchenvater eine Woche lang – mit persönlichen Texten von Schweizer Theologinnen und Kirchenvertretern: Wie nehmen sie Barth heute wahr? Wie relevant bleibt er? 

«Karl Barth erlebte ich persönlich in den 1950er-Jahren als Theologiestudent an der Universität Basel. Einmal im Semester lud er alle seine Schweizer Studenten zu einem geselligen Abend ins Restaurant «Bruderholz» ein. Er hatte gemerkt, dass wir uns gegenüber den fortgeschrittenen Kommilitonen aus Deutschland im Studium schwer taten. Auf diese Weise wollte er uns aufmuntern.

An einem dieser Abende sass ich direkt neben ihm. Vor lauter Ehrfurcht war ich völlig verkrampft. Als Barth aber ein Gespräch mit mir anfing, erlebte ich ihn als menschlich, gütig und humorvoll. Er war überhaupt nicht der Finsterling, als der er manchmal beschrieben wurde.

Theologisch hat mich Barth sehr stark geprägt. Ich habe es zwar nicht geschafft, seine ganze Kirchliche Dogmatik zu lesen, aber immerhin zwei Bände davon. Mich faszinierte, wie Barth die herkömmliche Theologie auf den Kopf stellte. Theologie bedeutete für ihn, von Gott her zu denken, sich der göttlichen Botschaft zu öffnen. Das war etwas grundlegend anderes, als Gott aus unseren menschlichen Bedürfnissen heraus zu verstehen. Letzteres war für ihn nicht Theologie, sondern Religion.

Mich beeindruckte, wie Barth die Bibel ins Zentrum stellte. Seine ganze Dogmatik war ja nichts anderes als eine gewaltige Bibelauslegung. Barth lehrte mit Nachdruck, in der Bibel stehe nicht, was wir über Gott denken, sondern was Gott über uns denkt. Auch hier kehrte er die Verhältnisse um. Seine Botschaft war: Wir müssen uns nicht zu Gott hinaufturnen. Er kommt zu uns herab.

Als Pfarrer prägte mich, was Barth über die Verkündigung sagte. Obwohl für ihn die Bibel zentral war, warnte er davor, bloss aus ihr zu zitieren. Er forderte immer eine sorgfältige Exegese. Der Inhalt der Verkündigung, das Was,  war ihm viel wichtiger als die Form, das Wie.

Aus meiner langjährigen Erfahrung wage ich zu behaupten, dass viele Menschen in der Kirche nicht den Event suchen, sondern zum Gottesdienst kommen, weil sie von der Predigt viel erwarten: Ernsthaftigkeit, Tiefe und Gehalt.

Barth zog sich mit seiner Theologie nie in den Elfenbeinturm zurück. Er  mischte sich mutig in Politik und Gesellschaft ein. Das gehörte für ihn zum Glauben. Das Evangelium zu verkünden und gleichzeitig zum Vietnamkrieg zu schweigen, das war für ihn undenkbar.»


Aufgezeichnet von Heimito Nollé. Ende der Serie


Zur Person:

Martin Hubacher (85) studierte bei Karl Barth und war Pfarrer am Berner Münster.