Karl Barth-Woche – Tag 5: «Barths Widersprüche faszinieren mich»

Karl Barth ist seit fünfzig Jahren tot. Theologiestudentin Luana Hauenstein hat erst vor kurzem begonnen, sich intensiver mit Barth auseinanderzusetzen. Doch seine Theologie hat sie gepackt.

Luana Hauenstein. (Bild: zvg)

Am 10. Dezember vor 50 Jahren starb einer der berühmtesten Theologen des 20. Jahrhunderts: der Basler Karl Barth (1886-1968). Anlässlich seines Todestages widmet sich ref.ch dem Schweizer Kirchenvater eine Woche lang – mit persönlichen Texten von Schweizer Theologinnen und Kirchenvertretern: Wie nehmen sie Barth heute wahr? Wie relevant bleibt er?

«Als Theologiestudentin hört man natürlich viel von Karl Barth. Er wird immer wieder in Vorlesungen erwähnt. Erst vor kurzem habe ich begonnen, mich intensiver mit ihm auseinanderzusetzen. Seine Kommentare zum Römerbrief behandeln wir gerade in einem Seminar. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass wir ein bisschen ins kalte Wasser geworfen wurden, hat Barth mich sofort gepackt.

Mich faszinieren Barths Widersprüche, einige davon vereint er in seiner Dialektik und andere eröffnet er. So kritisiert er das Schaffen der Theologen und ist gleichzeitig Theologe. Und er bestimmt Gott als den ganz Anderen, der nur durch Gott erkannt werden kann. Gleichzeitig weiss er soviel über den ganz Anderen zu schreiben.

Immer wieder spüre ich auch Barths Zu- und Anspruch. Wenn Barth zum Beispiel schreibt: ‹Apologetik, Sorge um den Sieg der Heilsbotschaft gibt es nicht›, entlastet mich das, weil es die Verantwortung für den Sieg der Heilsbotschaft von meinen Schultern nimmt. Barth macht Gott gross.

Dabei spielt für mich immer auch die Überlegung mit, was Barths Aussagen für mich und für eine spätere Arbeit in der Gemeinde bedeuten. Die Texte sollen nicht nur ein theoretisches Konstrukt bleiben, sondern den Menschen helfen. Mich wird weiterhin beschäftigen, inwiefern ich Barth in den Alltag mitnehmen kann, oder ob es mehr bei einer systematischen Auseinandersetzung bleibt, welche die Praxis ‹nur› befruchtet.

Zugegeben: Barth zu verstehen, ist nicht einfach. Ich muss mir meinen Zugang immer wieder erarbeiten. Beim Lesen seiner Texte im Seminar stellen wir viele Fragen: Was uns stört, was uns gefällt und was sie in uns auslösen. Jetzt, wo wir ihn ein bisschen besser verstehen, glustet es einige von uns, weiter in seine Gedankenwelt einzutauchen.

Für mich heisst das: Barth lesen, lesen, lesen. Langsam bekomme ich ein Gefühl für seine Texte und erkenne eine Art Rhythmus darin. Ab und zu schaue ich mir auch alte Interviews von Barth auf Youtube an. Seine Mimik bei einer Aussage wie zum Beispiel ein Schmunzeln zu sehen, kann mir schon helfen, seine Aussagen besser einzuordnen. In einem Interview sagt er beispielsweise, wie er mit Freude am Schreibtisch sass. Wenn ich ihn lese, versuche ich immer wieder, diese Freude zu entdecken und mit Barth zu schmunzeln.

Barth stört und verstört mich aber auch, weil er mich herausfordert, um- und weiterzudenken und Widersprüche zusammenzubringen.»

Aufgezeichnet von Andreas Bättig. Lesen Sie morgen Martin Hubacher, ehemaliger Pfarrer am Berner Münster.


Zur Person:

Luana Hauenstein (24) studiert im 9. Semester Theologie an der Universität in Bern.