Karl-Barth-Woche – Tag 3: «Der Heldenkult um ihn ist übertrieben»

Karl Barth ist seit fünfzig Jahren tot. Für die feministische Theologin Ina Praetorius ist das kein Grund, nostalgisch zurück zu blicken. Sie befasst sich lieber mit Gegenwärtigem.

Theologin Ina Praetorius (Bild: Katja Nideröst)

Am 10. Dezember vor 50 Jahren starb einer der berühmtesten Theologen des 20. Jahrhunderts: der Basler Karl Barth (1886-1968). Anlässlich seines Todestages widmet sich ref.ch dem Schweizer Kirchenvater eine Woche lang – mit persönlichen Texten von Schweizer Theologinnen und Kirchenvertretern: Wie nehmen sie Barth heute wahr? Wie relevant bleibt er? 

«Ich respektiere Barths theologisches Denken. Klar, zu seiner Zeit war er wichtig. Aber der Heldenkult um seine Person ist übertrieben. Irgendeiner hat ja immer Geburtstag oder ist vor fünfzig oder hundert Jahren gestorben. Das Reformationsjubiläum hat mir einmal mehr gezeigt: Theologie und Kirche sind zu stark auf die Vergangenheit bezogen.

Ich habe keinen Bedarf an solchen Nebenschauplätzen. Lieber kümmere ich mich darum, was heute wichtig ist. Wie wollen wir in Zukunft leben, arbeiten, lieben? Wie den gemeinsamen Reichtum verteilen, wie uns als Teil der Natur, statt als ‹Herren› über die Natur verstehen?

Hier setze ich an: Die meiste Arbeit geschieht in der Haus- und Freiwilligenarbeit, wo sich Menschen um ihr Wohlsein und das der anderen kümmern. Ohne die vermeintlich notwendigen finanziellen Anreize. Das Bundesamt für Statistik belegt das seit über zwanzig Jahren mit Zahlen: Der Care-Sektor ist der grösste Wirtschaftssektor. Mich begleitet dieses Thema seit Jahrzehnten.

Dennoch wird weiter darüber geschwiegen. Man will nicht sehen, dass im Zentrum des Wirtschaftens nicht das Geld, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse stehen muss. Vielleicht haben die Ökonominnen und Ökonomen Angst, zu entdecken, wie viel unbezahlte und unterbezahlte Arbeit verrichtet wird? Würde nämlich die unbezahlte Arbeit, die vor allem Frauen leisten, ins Zentrum rücken, würden die Männer sich am Rand wiederfinden.

Zu Barths Zeiten kam die Arbeiterbewegung erst gerade auf. Heute müssen wir unser Arbeitsverständnis hinterfragen und die ganze Ökonomie neu denken. Die Kirchen suchen doch händeringend nach Themen, die nah am Menschen sind, nicht? Sie müssten nur die Augen öffnen und sehen, was vor ihrer Nase geschieht.»


Aufgezeichnet von Patricia Dickson. Lesen Sie morgen Georg Pfleiderer, Leiter des Karl Barth-Zentrums in Basel


Zur Person:

Ina Praetorius (62) ist Autorin und freischaffende Theologin in Wattwil, St. Gallen. Sie beschäftigt sich mit feministischer Ethik und postpatriarchaler Lebensgestaltung. In der Frauensynode und im Verein «Wirtschaft ist Care» engagiert sie sich für die Reorganisation der Wirtschaft.