Karl Barth-Woche – Tag 4: «Von Barth komme ich nicht los»

Karl Barth ist seit fünfzig Jahren tot. Für den Theologen Georg Pfleiderer ist er zum wissenschaftlichen Lebensthema geworden. Manches von Barth provoziert ihn aber auch.

Georg Pfleiderer. (Bild: ZVG)

Am 10. Dezember vor 50 Jahren starb einer der berühmtesten Theologen des 20. Jahrhunderts: der Basler Karl Barth (1886-1968). Anlässlich seines Todestages widmet sich ref.ch dem Schweizer Kirchenvater eine Woche lang – mit persönlichen Texten von Schweizer Theologinnen und Kirchenvertretern: Wie nehmen sie Barth heute wahr? Wie relevant bleibt er?

«Von Karl Barth bin ich besessen. Ich komme einfach nicht los von ihm. Und das seit bald 40 Jahren.

Angefangen hat alles mit einem Seminar, das ich als junger Student in München besuchte. Dort lehrten bekannte Theologen wie Trutz Rendtorff oder Friedrich Wilhelm Graf. München galt damals als Hochburg der Barth-Kritiker. Man warf ihm vor, seine Theologie sei irrational, autoritär, sogar totalitär. Mich hingegen faszinierten seine Rhetorik und seine systematische Denkkraft. Es ist nicht ohne Ironie, dass ich ausgerechnet in München meine Leidenschaft für Barth entdeckte.

Als Theologe habe ich mich immer für zeitgeschichtliche Fragen interessiert. Vor allem für die Spannungen zwischen unserer liberalen, säkularen Wohlstandsgesellschaft und ihren apokalyptischen Bedrohungen. Wie geht es weiter mit Kirche und Christentum? Wie verhalten wir uns zu Totalitarismus, Flüchtlingsnot oder den ökologischen Zukunftsbedrohungen? Karl Barth hat leidenschaftlicher und gründlicher als andere Theologen zu seiner Zeit nach Antworten auf solche Fragen gesucht.

Seine Biographie war eng verflochten mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit der Sozialgeschichte, aber auch mit der Geistes- und Kulturgeschichte, den beiden Weltkriegen, dem Widerstand gegen Atomwaffen. Er suchte nach einer neuen biblischen Grundlegung der Theologie. Dabei dachte er die brennenden Fragen unserer Zeit immer mit. Schon seine Römerbrief-Kommentare waren so etwas wie eine systematische Theologie im Gewand apokalyptischer Rhetorik.

Manche seiner Antworten auf diese Fragen haben bis heute Gültigkeit. Zum Beispiel seine humanitäre Haltung zur Flüchtlingsfrage. Für ihn war klar, dass die Kriegsflüchtlinge im Zweiten Weltkrieg auch eine Bereicherung für die aufnehmende Bevölkerung darstellten. Er warnte davor, sie nur als soziale Belastung oder gar als Bedrohung zu sehen. Das ist immer noch grossartig und aktuell.

Barth war dabei aber immer sehr realistisch. Einem naiven Gutmenschentum hätte er nicht das Wort geredet. Der Mensch war für ihn nicht per se gut. Er wurde es erst durch Jesus Christus. Dadurch sah er auch die Schattenseiten des Menschen.

Gewisse Seiten an Barth haben mich dennoch provoziert. An seinem Autoritätsbegriff etwa habe ich mich schon als junger Spät-68er gerieben. Und ich frage mich, ob sein Hauptwerk, die Kirchliche Dogmatik, noch in die heutige Welt passt. Wenn ich in den dicken Bänden lese, kommt es mir vor, als spazierte ich durch eine prächtige neugotische Kathedrale. Das gedankliche Gerüst der Argumentation begeistert mich, aber die historische Bibelkritik blendet Barth fast völlig aus. Mit einer solchen naiven Exegese kann ich wenig anfangen. Das ist für mich trotz vieler interessanter Einfälle eher eine höhere Form von Kinderbibel.»


Aufgezeichnet von Heimito Nollé. Lesen Sie morgen Luana Hauenstein, Theologiestudentin.


Zur Person:

Georg Pfleiderer (58) ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Basel und Leiter des Karl Barth-Zentrums für reformierte Theologie in Basel.