Ist das bedingungslose Grundeinkommen protestantisch?

Ein neuer Blick auf den tätigen Menschen – und auf Arbeit: 25 Personen kamen am Mittwoch in die Berner Heiliggeistkirche, um aus protestantisch-religiöser Perspektive über das bedingungslose Grundeinkommen zu diskutieren. Viele Fragen blieben in der Offenen Kirche offen.

Offene Gesprächsrunde: Moderator Andreas Nufer (im roten Schal), rechts von ihm Künstler und Autor Enno Schmidt und der Theologe Torsten Meireis. (Bild: Rita Jost)

Am 5. Juni kommt eine Volksinitiative zur Abstimmung, die es in sich hat: Alle in der Schweiz lebenden Menschen sollen bis zum Jahr 2050 unabhängig von Erwerbstätigkeit, Alter, Vermögen oder Gesundheitszustand ein Grundeinkommen erhalten. Was für eine Idee! Der viel zu grosse Raum der Offenen Kirche am Berner Hauptbahnhof, in dem die kleine Gesprächsrunde zusammenfand, war fast schon ein Sinnbild für die vielen und verwirrenden Fragen, die einem beim Nachdenken über ein solch bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) im Kopf rumschwirren. Und um die Idee, und weniger um die konkrete Umsetzung, ging es in den gut 90 Minuten Diskussion dann auch, durch die Pfarrer Andreas Nufer führte.

Es solle vor allem um eine theologisch-religiöse Sicht auf das Konzept gehen, so Nufer in seiner Begrüssung zum ersten Offenen Gesprächsabend dieses Jahres, einer Veranstaltungsreihe der Offenen Kirche Heiliggeist, die sich unter dem Motto «Wie politisch darf Kirche sein» bis im Sommer 2016 regelmässig mit aktuellen Themen auseinandersetzt. Zu Wort kamen zunächst die beiden geladenen Experten Enno Schmidt, Mitgründer der Initiative, und Theologe Torsten Meireis von der Universität Bern.

50 Prozent würden mehr für Familie tun

Künstler und Autor Schmidt eröffnete den Abend mit seinem Plädoyer für das Grundeinkommen ohne Bedingungen als Weg, Menschen unabhängig von ihrer Erwerbstätigkeit ein gutes Leben, ein Leben in Würde zuzugestehen. Das BGE sei eine Weiterführung der Menschenrechte. Denn, so Schmidt, nur wer für die Sicherung seiner materiellen Grundbedürfnisse nicht mehr auf Erwerbstätigkeit angewiesen sei, könne vernünftig und gewissenhaft über sein Leben verfügen und zum Gemeinwohl beitragen – das BGE sei eine zutiefst in der Aufklärung verwurzelte Idee.

Dabei sei das Bild des Menschen – wie auch jenes der Arbeit – zu überdenken: Der Mensch sei, entgegen der Befürchtung vieler Kritiker, durchaus bereit, auch ohne Markt- und Geldanreize, tätig zu sein. Um seine Ausführungen zu untermauern, zitierte Schmidt aus einer repräsentativen Umfrage, die das Initiativkomittee Ende letzten Jahres durchführte. Lediglich zwei Prozent der Befragten würden gar keiner zusätzlichen Erwerbsarbeit nachgehen, wenn sie ein BGE hätten. Jedoch gaben je 50 Prozent der Studienteilnehmer an, mehr Zeit für ihre Familie, und mehr Zeit in ihre Fortbildung zu investieren.

Die Hälfte der Arbeitsstellen werden verschwinden

Abschliessend kam Schmidt auf den bevorstehenden Wandel der Arbeitswelt zu sprechen, der sich mit der zunehmenden Digitalisierung und Globalisierung abzeichne. Innerhalb der kommenden 20 Jahre werde sich die Zahl der Arbeitsplätze gemäss Wirtschaftsanalysten drastisch reduzieren, nationale Regulierungsmassnahmen kämen in einem globalisierten Arbeitsmarkt immer weniger zum Zug.

Eine Entkopplung von Erwerbsarbeit und materieller Existenzsicherung sei in naher Zukunft ein gesellschaftspolitisches Must. Das BGE sei eine proaktive Antwort auf die Transformation der Arbeitswelt und ein politisches Instrument, die Selbstbestimmung bei deren zunehmender Deregulierung zu wahren.

Doppelte Berufung des Menschen

Der Theologe Torsten Meireis, Ethiker an der Universität Bern, lieferte im Anschluss daran eine Reihe kritischer Einwürfe, die das Augenmerk auf die wunden Punkte des BGE lenkten. Gleich eingangs machte er den Vorschlag, zwischen der Idee eines Grundeinkommens ohne Bedingung, dessen sozialpolitischen Konsequenzen und dem Initiativtext zu unterscheiden. Dies half dann auch, den mitunter etwas komplizierten, doch sehr anregenden Überlegungen des Schnell- und Vielsprechers Meireis zu folgen.

Er bekundete durchaus Sympathien für die Idee eines BGE. Aus theologisch-protestantischer Perspektive sei zunächst nichts gegen ein solches einzuwenden, im Gegenteil. Die Idee der Ermächtigung des Menschen, seine «materielle Ent-Sorgung» sei eine schöne. So kenne die protestantische Tradition das Konzept einer doppelten Berufung: Der Mensch sei innen berufen als Christ in der Gemeinde Christi, seine äussere Berufung wiederum sei es, «Dienst am Nächsten» zu vollbringen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Arbeit sei also aus einer protestantischen Sicht ein Dienst am Nächsten.

Marktbestimmte Arbeit erschwert «Dienst am Nächsten»

Heute, so Meireis, habe sich der Arbeitsbegriff aber gewandelt: In der modernen Erwerbsarbeit bestimme nicht die Nützlichkeit und das Gemeinwohl darüber, ob etwas erledigt werde oder nicht, sondern der Markt. So gäbe es unnütze, teils «absurde» Arbeitsstellen, während wichtige Arbeit, beispielsweise im Care-Bereich, nicht getan werde. Ein BGE könne Arbeit von der Marktlogik entkoppeln. Und sei ein Schritt Richtung Geschlechtergerechtigkeit: Frauen seien bis heute öfters in der unbezahlten Hausarbeit tätig und finanziell von erwerbstätigen Männern abhängig. Bei einer Trennung drohe Frauen öfter als Männern der Abstieg in die Prekarität und der beschämende Gang auf das Sozialamt.

Politischer Missbrauch des Grundeinkommens als Sünde

Bald folgte bei Meireis das Aber: Der soziale Stellenwert, den Erwerbsarbeit in der Gesellschaft innehabe, sei nicht zu unterschätzen, «wir sind heute eine Arbeitsgesellschaft»: Erwerbsarbeit verleihe Anerkennung, Selbstwert und Identität, die Entstehung vieler Rechte und Freiheiten gehe auf das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zurück, Erwerbsarbeit biete ein soziales Netz, sie sei zurzeit das soziale Mittel, um Menschen in die Gesellschaft zu integrieren.

Das BGE dürfe nicht dazu missbraucht werden, Menschen am Rande der Gesellschaft mit einem BGE abzufertigen, alle anderen sozialen Leistungen und Bemühungen zu streichen, und diese Menschen dann sich selber zu überlassen. Hier befürchtete Meireis im aktuellen politischen Klima auch die Gefahr einer Entsolidarisierung der Gesellschaft. Der Initiativtext, so Meireis, sei viel zu vage und öffne dadurch Missbrauch Tür und Tor. Menschen nicht mehr zu integrieren, das sei, so Meireis, nach protestantischem Verständnis ein Versäumnis am Nächsten, also «Sünde».

Offene Fragen in der Offenen Kirche

Voilà, dies die grossen Überlegungen der beiden Gäste. Und die Zuhörerinnen? Diese argumentierten weniger theologisch als Meireis, erwiesen sich aber mehrheitlich als Sympathisantinnen eines BGE, auch wenn sich ein älterer Herr darüber Gedanken machte, ob es denn wirklich gerecht sei, nach dem Giesskannenprinzip allen Menschen Geld geben, «auch wenn einer nichts leistet.»

Eine andere Frau fragte sich, ob 16-Jährige, wenn sie die Aussicht auf ein Grundeinkommen haben, wirklich genug Motivation hätten, sich um eine Lehrstelle oder eine höhrere Bildung zu kümmern: «Ich werde also Nein stimmen, ich bin dagegen.» – «Ich werde ja stimmen», meinte hingegen eine Frau am anderen Ende der Kirchenbank. Für sie sei es eine Weiterentwicklung der Menschenrechte.

Berührend waren dann auch die Schilderungen einer Reihe von Frauen im mittleren Alter oder kurz vor der Pensionierung, die seit längerem mit Arbeitslosigkeit, prekären Teilzeitstellen oder dem Gang zum Sozialamt leben. Eine Frau formulierte es so: «Es ist schwer, sein Selbstbewusstsein und seine Würde zu behalten, wenn man keine Erwerbsarbeit hat. Aber es geht. Manchmal. Es ist ein Kampf.» Und so endete der Abend im Chor der Heiliggeistkirche. Offene Fragen schwirrten viele im Raum.