«In Todesnähe schaffen Bilder Vertrauen»

Sterbende kommunizieren oft in Bildern und Metaphern. Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care, hat sich mit der Symbolsprache von Schwerkranken auseinandergesetzt. Für ihn ist sie ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis dieser Menschen.

Erforscht die Sprache an der Schwelle zwischen Leben und Tod: Simon Peng-Keller.
Erforscht die Sprache an der Schwelle zwischen Leben und Tod: Simon Peng-Keller. (Bild: Frank Brüderli)

Herr Peng-Keller, in Ihrem Forschungsprojekt befassen Sie sich mit der Symbolsprache von Sterbenden. Was ist damit gemeint?
Seelsorgende und Pflegefachleute beobachten immer wieder, dass Sterbende intensive Bilder erleben und oft auch in symbolischer Form kommunizieren. Das heisst, sie verwenden Bilder und Metaphern, um sich auszudrücken. Diese Sprache bereitet Angehörigen und Begleitenden nicht selten Mühe und wird als Ausdruck von Verwirrung verstanden.

Was für Bilder sind das?
Die Symbolsprache Schwerkranker ist sehr vielfältig. Trotzdem gibt es Bilder und Motive, die öfter auftauchen. Zum Beispiel wenn ein Patient davon spricht, die Koffer zu packen und sich auf eine Reise zu begeben. Andere berichten davon, dass sie mit einer verstorbenen Person Kontakt aufgenommen hätten. Oder dass sie von jemand erwartet würden.

Warum ist es wichtig, dass Seelsorgende sich mit der Symbolsprache von Sterbenden auseinandersetzen?
Meine Erfahrung ist, dass man die Sprachbilder von Sterbenden oft vorschnell als unsinnig abtut. Die Patienten werden so pathologisiert. Aber auch wenn die Symbolsprache manchmal rätselhaft oder wirr erscheint, verweist sie auf bestimmte Wünsche und Bedürfnisse der Patienten. Bilder können Lebenserfahrungen verdichten und einen Hinweis darauf geben, was einem Menschen in seinem Leben wichtig war und in der aktuellen Lebenssituation wichtig ist. Das heisst, es sind bedeutsame Bilder. In der seelsorglichen Praxis geht es deshalb darum, auch diese indirekten Mitteilungen ernst zu nehmen.

Für Ihre Studie verwendeten Sie selbst ein Bild: Sie sprechen von Bildern als «Vertrauensbrücken». Was heisst das?
In meiner Studie vertrete ich die These, dass Bilder für Sterbende eine bestimmte Funktion haben. Sie helfen, die Furcht vor dem Ungewissen zu bannen und den Abgrund zwischen dem Vertrauten und der Fremdheit des Todes zu überbrücken. Insofern sind sie «Vertrauensbrücken». Damit dieses Vertrauen entstehen kann, brauchen Sterbende aber einen Raum, in dem sie ihre Bildsprache entfalten können. Das gehört zur Aufgabe von professionellen Begleiterinnen und Begleitern.

Nicht alle Aussagen von Sterbenden sind symbolisch aufgeladen. Wie lassen sich symbolhafte von wörtlich gemeinten Aussagen unterscheiden?
Das ist tatsächlich nicht immer einfach, zum Beispiel wenn ein Patient den Wunsch äussert, «heimzukehren» oder eine bestimmte Reise zu machen. Es ist deshalb wichtig, dass der Seelsorgende nicht gleich drauflos interpretiert. Bedeutungen entstehen erst allmählich, im Gespräch.

Für Angehörige ist es besonders irritierend, wenn ein Patient davon berichtet, Kontakt zu Verstorbenen zu haben.
Ja, und solche Erfahrungen sind gar nicht so selten. Es kommt auch vor, dass ein Patient glaubt, eine verstorbene Bezugsperson warte im Nebenzimmer auf ihn. Auch das muss ernst genommen werden, denn unabhängig vom Realitätsgehalt drückt es einen Wunsch des Patienten aus. Für ihn ist die Vorstellung, sich mit einer geliebten Person zu verbinden, eine wichtige Ressource. Denn Beziehungen bleiben erhalten, auch wenn Menschen sterben.

Sehen Sie als Theologe in solchen Bildern einen Hinweis auf etwas Transzendentes?
Aus meiner eigenen religiösen Überzeugung heraus würde ich das auf jeden Fall nicht ausschliessen. Ich glaube schon, dass sich in manchen Erlebnissen wie zum Beispiel der Wahrnehmung einer Lichtgestalt oder der Begegnung mit Verstorbenen etwas Transzendentes und Göttliches mitteilen kann.

Spricht man von Bildern Sterbender, denkt man schnell einmal an Nahtoderfahrungen. Ist das nochmals eine besondere Kategorie?
Nahtoderfahrungen sind eine Form des visionären Erlebens und vielfältiger als üblicherweise dargestellt. Problematisch ist, dass solche Erfahrungen oft instrumentalisiert werden. Sie dienen dann nur noch dazu, eine bestimmte Weltanschauung zu untermauern. In unserem Forschungsprojekt verfolgten wir einen anderen Ansatz: Uns interessierte die Sinnhaftigkeit dieser Phänomene. Was sie für die Betroffenen bedeuten, wollten wir herausfinden, nicht wie sie zu erklären sind. Menschen am Lebensende Wertschätzung entgegenzubringen, heisst, die Erfahrungen, die sie machen und mitteilen, als bedeutsam zu würdigen.