«Ich würde als Pfarrerin keine roten Fingernägel wählen»

Dietrich Hildebrand berät Pfarrpersonen in Imagefragen. Im Gespräch mit Fabian Kramer erklärt er, wie Kleidung Kompetenz vermitteln kann – und wovon er Pfarrerinnen abrät.

«Da kommen zu viele erotische Signale herüber», sagt Imageberater Dietrich Hildebrand zu roten Nägeln. (Bild: Wikimedia/Petar Milošević)

Herr Hildebrand, wie muss man sich Ihre Image-Workshops vorstellen? Geht es da um ein klassisches Vorher-Nachher?

Nein. Es ist nicht eine Modeberatung im herkömmlichen Sinn. Das wäre für die Berufsgruppe der Pfarrerinnen und Pfarrer sicher fehl am Platz. Es geht mehr darum: Welche Signale sende ich durch mein äusseres Erscheinungsbild? Wie mache ich nonverbal meine Kompetenz sichtbar?

 

Gehören Pfarrpersonen da nicht eher zu den beratungsresistenten Berufsgruppen?

Ich würde nicht von beratungsresistenten Berufsgruppen sprechen, nur von beratungsresistenten Personen. (lacht) Wer kein Interesse an dem Thema hat, wird auch kein solches Seminar besuchen. Eines kann man sicher sagen: In den sozialen Berufen wird das äussere Erscheinungsbild zum Thema. Das war vor einigen Jahren noch nicht so.

 

Lassen Sie uns konkret werden. In den reformierten Kirchen der Schweiz wird manchmal Talar getragen, manchmal nicht. Ihre Meinung dazu?

Ich glaube, hier bin ich altmodisch. Ich begrüsse den Talar. Der Talar ist eine Amtstracht. Es ist wie bei einem Apotheker. Wenn der den weissen Kittel trägt, kommt mehr Kompetenz her-über, als wenn er in der Tageskleidung dasteht. Beim Banker wird Anzug erwartet, nicht Pulli. Das haben wir in allen Berufen.

 

Besitzen die Katholiken mit ihren vielen und bunten liturgischen Gewändern diesbezüglich einen Vorteil?

Ich bin selbst katholisch. Aber ich denke nicht, dass man farbige Outfits haben muss für die Kirche. In der Kirche bin ich sogar dafür, dass man sich eher zurücknimmt in der Kleidung. Die Amtsträger sollten immer darauf achten, dass sie in ihrem Auftreten nicht eitel erscheinen. Deshalb finde ich den schwarzen Talar ganz gut. Dabei spielt aber mein persönlicher Geschmack mit eine Rolle.

 

Und ausserhalb der Kirche, wie soll ein Pfarrer, eine Pfarrerin auftreten?

Zuerst muss man sich fragen, wofür ihre Tätigkeit steht: Sozialkompetenz, Fürsorge, Empathie, Vertrauenswürdigkeit, natürlich auch Tatkraft, Engagement, Fachwissen, Vitalität. Da kann ich ganz viel mit dem Äusseren machen und auch verkehrt machen. Bei der Berufskleidung gilt zum Beispiel: Kontraste stehen für Kompetenz. Also eher ein dunkelgrauer Anzug mit blütenweissem Hemd und blau-weiss gestreifter Krawatte als ein beiger Anzug mit crèmefarbenem Hemd und heller Krawatte.

 

Abgesehen von der Kleidung, was raten Sie Ihren Kursteilnehmern in Sachen Outfit?

Wichtig ist, dass man das Gesicht frei und offen zeigt und nicht mit einer Mähne verdeckt. Auch das gehört zur Ausstrahlung von Kompetenz. Wie heisst es so schön: Frisur gibt Kontur. Das sendet eine ganz andere Botschaft, als wenn ich die Haare einfach so wachsen lasse.

 

Gelten für Pfarrerinnen noch andere Regeln als für Pfarrer?

Die Frauen haben natürlich viel mehr Möglichkeiten als Männer. Make-up ist ein hochinteressantes Thema, weil es ein eindeutiger Kompetenzbringer und Präsenzverstärker ist, genauso wie der Haarschnitt. Ich plädiere grundsätzlich dafür, dass Pfarrerinnen in der Kirche ein dezentes Make-up tragen, so wie Politikerinnen oder Moderatorinnen.

 

Gibt es stilmässig irgendwelche Tabus?

Ich würde als Pfarrerin keine roten Fingernägel wählen. Da kommen zu viele erotische Signale herüber. Auswüchse in der Farbgebung der Haare sehe ich ebenfalls als Tabu. Viele neigen dazu, sich die Haare zu rot zu tönen, zu schwarz oder zu signalblond. Das gehört für mich nicht zum Beruf der Pfarrerin.

 

Liegt es nicht am Lauf der Zeit, dass man sich heute lockerer gibt? Die Kirchenbesucher kommen ja auch nicht mehr in der Sonntagskleidung.

Ja, es ist der Lauf der Zeit. Aber das bedauere ich. Die Kirche ist ein Ort der Wertschätzung. Wir wollen nicht zurückgehen in die ganz alten Zeiten, wo man nur im Anzug zum Gottesdienst gehen konnte und die Frau ihr bestes Kleid herausgenommen hat. Doch man sollte auf sich achten, auch beim Kirchenbesuch.

 

In der Religion zählen mehr die inneren Werte, während der Mode etwas Oberflächliches anhaftet. Vielleicht liegt darin das Problem?

Die Meinungen dazu sind ganz unterschiedlich. Es gibt Menschen, die sagen: «Ach, unser Pfarrer, was muss der schon gut aussehen?! Der ist doch für ganz andere Sachen zuständig.» Aber dann gibt es viele Menschen, denen das gefällt und die sagen: «Der sieht mal richtig flott aus!» Ich finde, es strahlt eine gewisse Freude im Leben aus, wenn ich auf mein Äusseres Wert lege.


 

Dietrich Hildebrand war 13 Jahre lang Chefdesigner beim deutschen Modeunternehmen Windsor und führt heute mit seiner Frau Anke Schmidt-Hildebrand eine Agentur für Imageconsulting in Frankfurt am Main. Anfang März hielt er erstmals einen Image-Workshop für Pfarrpersonen auf Einladung der Evangelischen Kirche in Berlin. Daneben berät er Pfarrerinnen und Pfarrer in Einzelcoachings.

 

Das Interview stammt aus der «Reformierten Presse» 12/15