«Ein Naher Osten ohne Christentum ist auch für Europa nicht gut»

Eine Kirchendelegation hat kürzlich den Libanon besucht. Kirchenbundspräsident Gottfried Locher und der Präsident der Bischofskonferenz Markus Büchel führten sie an. Matthias Böhni hat die Delegation als Journalist begleitet und Locher zum Sinn der Reise befragt.

Skyline von Beirut: Die libanesische Hauptstadt wurde vor kurzem von einer schweren Explosion erschüttert. (Alle Bilder: Matthias Böhni/ref.ch)

Herr Locher, warum hat die Delegation diese Reise gemacht?
Gottfried Locher: Wir wollten uns mit eigenen Augen ein Bild von der Situation im Libanon machen. Dazu sind wir bis nahe an die syrische Grenze gereist. Wir haben mit Flüchtlingsfamilien sprechen können, mit Kirchen- und Hilfswerksleuten, und hatten Audienzen bei den drei wichtigsten muslimischen Autoritäten des Landes.

 

Die Delegation war im Bekaa-Tal nur 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. War das nicht fahrlässig?
Wir gingen dorthin, wo sich auch die Flüchtlinge in Sicherheit gebracht hatten. Wenn es für sie dort sicher genug ist, sollten wir uns vermutlich auch nicht beklagen.

 

Hatten Sie nie Angst auf der viertägigen Reise?
Am ehesten im Strassenverkehr, der ziemlich chaotisch für Nichteingeweihte ist. Mulmig wurde es mir auch in Südbeirut beim Besuch des schiitischen Scheichs. Dessen Residenz gleicht einem militärischen Hauptquartier. Gleich dahinter ist vor 14 Tagen die verheerende Bombe explodiert, die über vierzig Menschen tötete.

 

  • Lachen trotz allem: Schüler einer armenisch-evangelischen Schule in Beirut. Das protestantische Hilfswerk «Action chrétienne en Orient» unterstützt die Schule, die auch Flüchtlingskinder aufnimmt.

 

Sie haben zwei syrische Flüchtlingsfamilien besucht im Bekaa-Tal. Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Der Schrecken in den Augen des Familienvaters, der von der Flucht mit Frau und Tochter erzählt hat. Wie über Nacht alles verloren war, was er aufgebaut hatte. Nun sind sie zwar knapp mit dem Leben davongekommen, aber eine Zukunft sieht er nicht. Es gibt keine Arbeit im Libanon, und keiner hat auf die Flüchtlinge gewartet.

 

Sie haben mehrmals auf der Reise gesagt, die Christen sollen im Nahen Osten bleiben. Wie können Sie das sagen, angesichts der Situation hier?
Ich verstehe jeden und jede, der hier wegwill. Ohne Hilfe wird es auch so kommen, dass bald kein Christentum mehr hier ist. Deshalb müssen wir unbedingt alles tun, um die zu unterstützen, die nicht auswandern. Ein Naher Osten ohne Christentum ist auch für Europa nicht gut. Das Wichtigste ist, dass es bald wieder Frieden gibt in der Region. Es braucht deshalb nicht nur finanzielle Hilfe für Flüchtlinge, sondern auch politisches Engagement.

 

Die Reise war ökumenisch. Warum ist das gerade für den Libanon wichtig?
Dass wir gemeinsam kamen, Katholiken und Protestanten, wurde hier stark wahrgenommen. Wir wollten damit zeigen, dass es so etwas wie Einheit in Vielfalt gibt. Die Vielfalt ist gewährleistet, im Libanon wie in der Schweiz. Nicht gewährleistet sind konkrete Zeichen der Einheit, und ein solches wollten wir setzen. Bischof Markus und ich sind in den vier Tagen immer nur gemeinsam vor die Medien getreten.

 

Sie haben in Beirut an einer Pressekonferenz eine ökumenische Erklärung zur Religionsfreiheit veröffentlicht. Hätte man die Pressekonferenz nicht besser in der Schweiz durchgeführt?
Die ökumenische Erklärung geht beide Länder an, die Schweiz und den Libanon. Das Medieninteresse war erstaunlich hoch, es waren mehrere libanesische TV-Sender und Journalisten aus beiden Ländern da. Die libanesische Zeitung «L’Orient le jour» hat beispielsweise einen guten Artikel dazu veröffentlicht.

 

Die ökumenische Erklärung «Religionsfreiheit: Ressource für die Zukunft einer multikulturellen Gesellschaft» im Wortlaut.