«Grenzverletzungen kommen vor – auch in der Kirche»

Die Aargauer Synode entscheidet demnächst, ob künftig die Kirchenordnung die Prävention von Grenzüberschreitungen regeln soll. Die reformierte Landeskirche wolle damit ein Zeichen setzen, sagt die verantwortliche Kirchenrätin Catherine Berger.

Catherine Berger ist zuversichtlich, dass das Anliegen des Kirchenrats bei der Synode gute Chancen hat. (Bild: Marianne Weymann)

Frau Berger, der Kirchenrat möchte die Prävention von sexuellen Übergriffen in der Kirchenordnung verankern. Warum?
In der kirchlichen Arbeit kann es zu vielen Situationen kommen, in denen man sich die Frage nach Nähe und Distanz ganz bewusst stellen muss. In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Beispiel, aber auch im Seelsorgegespräch. Deshalb hat die aargauische Landeskirche schon vor ein paar Jahren mit gezielter Prävention begonnen.

Was beinhaltet diese Prävention?
Die Landeskirche hat Schulungen angeboten und ist dem Verein mira beigetreten, der sich mit Prävention sexueller Übergriffe im Freizeitbereich beschäftigte. Inzwischen arbeitet die Landeskirche auf diesem Gebiet mit der Fachstelle Limita zusammen. Wir müssen lernen, da ganz genau hinzuschauen. Es geht um die Sicherheit der Schutzbedürftigen, aber auch jene der Mitarbeitenden.

Warum kommt das Thema jetzt wieder auf den Tisch?
Wir haben festgestellt, dass wir mit den freiwilligen Schulungen nicht alle erreicht haben. Deshalb schlagen wir jetzt eine obligatorische Schulung für alle Angestellten vor, die mit Kindern, Jugendlichen und Personen in Abhängigkeitsverhältnissen zu tun haben.

Angestellte sollen ausserdem dazu verpflichtet werden, einen «Sonderprivatauszug» vorzulegen. Was bedeutet das?
Das Schweizer Volk hat 2014 die sogenannte Pädophilen-Initiative angenommen. Diese sieht vor, dass Menschen, die wegen sexueller Übergriffe strafrechtlich verurteilt wurden, nicht mehr in diesem Bereich arbeiten dürfen. Deshalb muss künftig jeder Angestellte, der mit Kindern und Jugendlichen Kontakt hat, diesen Sonderprivatauszug vorlegen. Darin wäre eine solche allfällige Verurteilung aufgeführt. Mit der Forderung nach einem Sonderprivatauszug erfüllen wir also eigentlich nur einen gesetzlichen Auftrag.

«Wir wollen handeln, bevor es zu einer strafrechtlichen Verfolgung kommt – und das funktioniert offensichtlich.»

Was sind das für Risikosituationen, in die kirchliche Mitarbeitende bei der Arbeit geraten können?
Das fängt mit ganz alltäglichen Dingen an. Zum Beispiel bei den Fragen, wie nah man Kindern bei einer Zeckenkontrolle nach der Wanderung kommen und ob man es auf den Schoss oder eine Trauernde in den Arm nehmen darf.

Hat es in den letzten Jahren viele Fälle sexueller Grenzverletzungen im Aargau gegeben?
Seit 2014 haben wir in zehn Fällen eine Grenzverletzung festgestellt. In einem Fall kam es zu einer Verurteilung, in den anderen zu spezifischen Supervisionen, in denen das eigene Verhalten reflektiert wurde. Interessant ist, dass es nach den angeordneten Massnahmen nie zu einem Rückfall gekommen ist. Das zeigt, wie wichtig Präventionsarbeit ist. Wir wollen handeln, bevor es zu einer strafrechtlichen Verfolgung kommt – und das funktioniert offensichtlich.

«Der Platz in der Kirchenordnung ist genau die richtige Flughöhe. Das schafft Verbindlichkeit.»

Muss das in die Kirchenordnung? Würde da eine Verordnung nicht ausreichen?
Wir sind demokratisch organisiert, darum muss die Synode darüber befinden. Und ich finde, ein Platz in der Kirchenordnung ist genau die richtige Flughöhe. Das schafft Verbindlichkeit. In der Kirchenordnung werden die Grundlagen festgelegt: Was verstehen wir unter Grenzverletzung? Welche Massnahmen wollen wir ergreifen? Welche Menschen sind davon betroffen? Der Kirchenrat erarbeitet dann auf dieser Grundlage die Verordnung, in der beschrieben wird, wie diese Massnahmen umgesetzt werden sollen. Das ist wie ein Handbuch für die Kirchgemeinden. Denn es ist ja auch ganz wichtig, dass die Kirchgemeinden wissen, was in solchen Fällen zu tun ist.

Das Problem der sexuellen Grenzverletzung gibt es ja auch in anderen Landeskirchen. Wie gehen die damit um?
Es ist sicher überall ein Thema, und es gibt auch gerade einen Trend, dass man in dieser Hinsicht ein bisschen feinfühliger wird. Aber wir sind gerade wirklich Vorreiter in der Art, wie wir das Thema anpacken. Damit setzen wir ein Zeichen.

Gibt es Vorbehalte gegenüber dieser Vorlage?
Vielleicht haben manche Leute den Eindruck, dass mit den Sonderauszügen alle Mitarbeitenden unter Generalverdacht geraten, und dass das dem Geist des Evangeliums nicht entspricht. Da sage ich: Wir müssen das sachlich anschauen. Grenzverletzungen kommen vor, auch in der Kirche – das ist menschlich. Wir stellen jetzt ein für alle Mal klar, wie wir damit umgehen wollen. Dann können wir das Thema auf der gesetzgeberischen Ebene ablegen und uns auf unsere Kernaufgabe konzentrieren: gemeinsam Kirche zu sein. Das ist viel einfacher, als ein Tabuthema immer vor sich her zu schieben.

Wie meinen Sie, wird die Synode entschieden?
Das Anliegen ist breit akzeptiert. Das haben wir in den Vorbesprechungen der Fraktionen gesehen. Jetzt muss man schauen, wie man es praktisch umsetzen kann. Aber ich hoffe doch sehr, dass unser Antrag angenommen wird.