Diskriminierung

Kontroverse Ruhestätte

Auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich sollen «Regenbogen»-Gräber für queere Menschen entstehen. Doch das Projekt stösst auf Kritik. Die Community kontert, mit der separaten Bestattung würde man sich nicht von anderen Menschen abheben.

Queere Menschen wollen auch im Tod unter ihresgleichen ruhen. Kritiker werfen ihnen Abschottung vor. (Bild: Marcus Brandt, Keystone).

Ein Projekt auf dem Friedhof Sihlfeld sorgt derzeit in Zürich für Diskussionen: Ab Herbst sollen hier 30 «Regenbogen»-Gräber entstehen. Bei grosser Nachfrage kann das Angebot auf 130 Gräber erweitert werden. Das Vorhaben wurde von einem Zusammenschluss queerer Organisationen lanciert. Sie wollen, dass verstorbene LGBTQ-Personen unter Gleichgesinnten ruhen können. «Wir haben Ähnliches erlebt, teilen unsere Probleme, das Themengrab schafft ein Ort der Sicherheit, in dem sich die Trauernden geborgen fühlen», sagt Mitinitiant Dominik Steinacher von HAZ – Queer Zürich.

In der Schweiz sind die «Regenbogen»-Gräber ein Novum, im Ausland aber bereits verbreitet. So wurde in Berlin 2014 ein Friedhof für lesbische Frauen eingeweiht. «Es ist aber mehr als ein Trend, es ist ein echtes Bedürfnis», sagt Steinacher. Queere Menschen hätten in ihrem Leben viel Ablehnung erlebt, seien vielleicht sogar von der Familie ausgestossen worden. Die Community sei für viele zur Ersatzfamilie geworden, innerhalb der sie auch beerdigt werden wollen. Laut Steinacher geht es zudem darum, die queere Community über den Tod hinaus sichtbar zu machen.

Sondern sich Queere ab?

Doch nun wird Kritik laut, dass die queere Community mit diesem Projekt die gesellschaftliche Diskriminierung fördert, die sie eigentlich abschaffen möchte. Medien wie die «NZZ» und die «Weltwoche» schreiben in Kommentaren, dass die identitätspolitische Abschottung der LGBTQ-Community rückwärtsgewandt sei. Und erinnern an einen christlichen Gedanken: Dass wir im Tod alle gleich sind. Widerspricht die Trennung der Toten nach Geschlechtsidentität also dieser Idee?

«Wegen der Wahl eines solchen Grabes sind queere Menschen nicht mehr oder weniger wert.»
Benjamin Hermann, reformierte Fachstelle Mosaic

«Das Grab ist kein Massstab für die Gleichheit der Menschen», kontert Benjamin Hermann von der Fachstelle Mosaic, die zur reformierten Zürcher Landeskirche gehört und sich mit Anliegen der LGBTQ-Community beschäftigt. Menschen würden verschiedene Formen der Bestattung bevorzugen. Ob Reihengrab, Urnengrab oder Gemeinschaftsgrab: «Wegen dieser Wahl sind sie nicht mehr oder weniger wert», sagt Hermann.

Er betont, dass die Community mit den Gräbern die weltliche Realität ernst nehme. Dabei gehe es nicht darum, sich abzusondern, sondern darum, für die Hinterbliebenen einen sicheren Raum zu schaffen, in dem sie das Leben des Verstorbenen in Ruhe würdigen können. Ausserdem könne sich jede und jeder im «Regenbogen»-Grab begraben lassen.

Friedhöfe immer leerer

Dass die neuen Themengräber für alle offen sein müssen, schreibt das Gesetz vor. Die Bestattungsverordnung des Kantons Zürich erlaubt keine speziellen Felder nur für bestimmte Interessensgruppen. Anders sieht es mit Religionsgemeinschaften aus. So gibt es in Zürich eine muslimische Ruhestätte im Friedhof Witikon und eine jüdische in Friesenberg.

Das Grab hat seinen Preis

Die Miete eines «Regenbogen»-Grabs im Friedhof Sihlfeld kostet einmalig 2000 Franken für Ansässige und 2450 Franken für Auswärtige. Das «Regenbogen»-Grab besetzt eine Fläche von 0,75 Quadratmetern und ist eingebettet in ein Staudenbeet oder eine Wiese. Inbegriffen im Preis sind die Mietgebühr, die Inschriftstele, die Ablageplatte und der Grabunterhalt für 20 Jahre.

Zum Vergleich: Bei Reihengräbern ist die Fläche kostenlos, doch bezahlen die Verantwortlichen jährlich bis zu 83 Franken für den Grabunterhalt. Die Stadt bepflanzt das «Regenbogen»-Grab mit Stauden, die in sechs Farben blühen. Das Grab kann nach der Ruhefrist von 20 Jahren verlängert werden. Bei Reihengräbern ist das nicht möglich. (cla)

Laut Bruno Bekowies vom Bestattungs- und Friedhofsamt der Stadt Zürich dürften die «Regenbogen»-Gräber viele ansprechen. Denn der Regenbogen als Symbol stehe nicht nur für das Queersein, sondern auch für die Friedensbewegung, den Naturschutz und früh verstorbene Kinder. «Für all diese Gruppen könnte das Themengrab interessant sein», sagt er.

In Zürich gibt es bereits 14 Themengrabfelder. Darunter das Feld «Birnenhain» im Friedhof Schwandenholz, wo die Urnen auf einer Naturwiese unter Birnbäumen begrabt werden, oder den «Rebstock» im Friedhof Enzenbühl, wo Weintrauben neben den Stelen wachsen.

Im Friedhof Nordheim gibt es gar spezielle Gräber für Tierhalter, in denen sich die Menschen mit ihrem Liebling begraben lassen können. Damit will die Stadt die zunehmend unpopulären Ruhestätten attraktiver machen. «In den Friedhöfen gibt es viel leere Fläche, die wir belegen möchten», sagt Bekowies. Im Friedhof Sihlfeld etwa seien über 60 Prozent der Fläche frei.

Schnell ausgebucht

Bekowies kann sich vorstellen, dass die «Regenbogen»-Gräber auch in anderen Friedhöfen der Stadt eingeführt werden. Dies hänge von der Nachfrage ab. Die Erfahrung zeigt: Themengräber sind beliebt. Von den 600 belegten Themengräbern in der Stadt sei ein Drittel schon zu Lebzeiten vorgemietet. Auch bei den «Regenbogen»-Gräbern wäre eine solche Entwicklung denkbar. «Es kann sein, dass sich die Leute zum Beispiel einen Platz neben ihrer Partnerin sichern wollen», sagt Bekowies.