Spanien

Keine Mumien mehr im Museum

In Spaniens staatlichen Museen gibt es keine «menschlichen Überreste» mehr zu sehen. Die ethischen Bedenken sind zu gross geworden. Andere Länder nehmen sich daran ein Beispiel.

Im Amerika Museum in Madrid war lange Zeit eine peruanische Mumie zu sehen. Die Person war vor 2000 Jahren bestattet worden – mit prächtigem Goldschmuck am Hals und im Gesicht, um den Kopf hatte sie einen bunten Schal gebunden. So sass die Mumie hinter Glas und die Besucherinnen und Besucher konnten sie anschauen.

Nun ist der mumifizierte Körper im Keller des Museums verstaut. Der spanische Kulturminister hatte eine Expertenkommission eingesetzt, die sich ein Jahr lang mit der Frage beschäftigte, ob menschliche Überreste Ausstellungsstücke sein könnten oder nicht. Das Fazit der Kommission: Nein, können sie nicht. Mumien seien einmal bestattet worden und nicht zur Besichtigung gedacht gewesen. Ausserdem seien sie am Ende nur ein Exponat unter vielen.

Die Experten stützten sich bei ihrer Einschätzung auf die Ethik-Richtlinien des Internationalen Museumsrats (IOM). Dort heisst es unter anderem: «Menschliche Überreste sollten mit in würdiger Weise und den angemessenen Rahmenbedingungen aufbewahrt oder ausgestellt werden.» Ausserdem sollten sie nur ausgestellt werden, wenn die «höchsten professionellen Standards» erfüllt werden könnten, heisst es weiter.

Der Gletschermann «Ötzi» ist für Archäologen ein wertvolles Fenster in die Steinzeit. Die Mumie ist unter modernen Bedingungen in Bozen (I) ausgestellt. (Bild: Südtiroler Archäologiemuseum/ Ochsenreiter)

Die Formulierungen lassen Spielraum für Interpretationen. Wie wird der Umgang mit Mumien in der Schweiz gehandhabt? Als die Archäologische Sammlung der Universität Zürich 2021 eine ägyptische Mumie mit Sarkophag an einen neuen Ort versetzte, machten sich die Wissenschaftler Gedanken über den Umgang mit menschlichen Überresten, die zu Anschauungsobjekten geworden sind.

Eigentlich hatten die Archäologen den Ausstellungsraum der Sammlung als letzte Ruhestätte der Mumie wahrgenommen. Fast 30 Jahre befand sie sich am selben Ort. Der Wechsel brachte Fragen auf wie: «Was macht menschliche Überreste zu einem wissenschaftlichen Exponat?» Damit hatte sich kurz zuvor der Mainzer Archäologieprofessor Dieter Quast auseinandergesetzt. Seine Antwort: Gräber würden zu den wichtigsten Quellen der Archäologie gehören, aber der Umgang mit den menschlichen Überresten sei wenig reflektiert.

Studenten seien bei Lehrgrabungen vom Anblick der Überreste überfordert und es käme häufig vor, dass «Skelette mit Sonnenbrille und Mütze fotografiert werden oder auch mit einer Zigarette zwischen den Zähnen». Auch erfahrene Archäologinnen und Archäologen würden eine gewisse Distanz schaffen zwischen sich und den menschlichen Überresten, die sie aus wissenschaftlichen Gründen ausgraben.

Mitarbeiter des Museums müssen «Ötzi» regelmässig befeuchten, damit die Mumie erhalten bleibt. (Bild: Südtiroler Archäologiemuseum/ Marion Lafogler)

Er schliesst daraus: «Diese Entfremdung mag der Grund sein, warum aus menschlichen Überresten einfache Objekte werden, die den Artefakten gleichgestellt sind.» Als negative Beispiele nennt er rekonstruierte Gräber in Museen, in denen Skelette «in einem nie dagewesenene Zustand» gezeigt werden. Ihm missfällt auch die Präsentation der Gletscherleiche «Ötzi» in Bozen: «Entkleidet liegt Ötzi in einer Vitrine.» Doch wegen der berühmten Mumie kann sich das Museum in Bozen kaum gegen den Besucheransturm wehren: Wer rein will, muss online einen Zeitslot buchen.

Die gute Nachricht ist, dass bei Archäologen und Museumsverantwortlichen ein Umdenken stattfindet. Quast beschreibt es so: «Wir sollten der Frage nachgehen, was die Besucherinnen an den Toten reizt und ob wir tiefergehende Anregungen vermitteln könnten als die Zurschaustellung von Leichen.»  

Weltberühmt für seine Mumien ist das Britische Museum in London. Es besitzt über 1000 davon, die älteste ist über 4000 Jahre alt. Grossbritannien brachte im 19. und 20. Jahrhundert viele Mumien nach London. Doch selbst hier wird diese Praxis nun hinterfragt. Im März befasste sich das britische Parlament mit einem Bericht einer überparteilichen Parlamentariergruppe. Die Politikerinnen und Politiker verlangen darin, keine menschlichen Überreste mehr in britischen Museen auszustellen – ganz nach spanischem Vorbild.

Die Parlamentarische Gruppe bezeichnet das Ausstellen von Mumien als «entmenschlichend» und schlägt vor, dass Museen oder Universitäten künftig eine Lizenz brauchen, um Mumien oder Skelette aufzubewahren. Ausserdem sollen sie nur unter strengen Auflagen ausgestellt werden können.

Der Entscheid des britischen Parlaments steht noch aus. Doch wenn selbst das Mutterland der Mumienschau darüber diskutiert, die menschlichen Überreste in die Museumskeller zu verlegen, dürften viele Länder diesem Vorbild folgen.

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