Gesucht: Farbe bekennendes Chamäleon

Auch nichtchristliche Patienten haben Anspruch auf Spitalseelsorge. In welcher Form das geschehen soll, ist noch weitgehend unklar. Die Tagung «Spitalseelsorge in einer vielfältigen Schweiz» am 18. Mai in Freiburg bot einen Überblick über den aktuellen Stand der Diskussion und meldete die dringendsten Desiderata an.

Reges Interesse: Muslimische Frauen an der Tagung zur Spitalseelsorge. (Bild: ref.ch/Weymann)

Dass das Thema brennend aktuell ist, zeigte schon die Anzahl und Zusammensetzung der Teilnehmenden: Rund 100 von ihren drängten sich auf den Bänken des Hörsaals, darunter ein Rabbiner, ein Hindupriester sowie ganze Reihen kopftuchbekleideter muslimischer Frauen. Organisiert wurde die Tagung vom «Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft» (SZIG), dem «Institut für Religionsrecht» der Universität Freiburg sowie dem «Institut für Sozialwissenschaften zeitgenössischer Religionen» der Universität Lausanne.

Fakt ist: Die Spitalseelsorge befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Zum einen, weil Medizin und Pflege die Bedeutung von Spiritualität als Ressource verstärkt wahrnehmen. «Spiritual Care» boomt, der im Herbst dafür neu geschaffene Lehrstuhl an der Uni Zürich ist nur eines von vielen Beispielen. Allerdings sei umstritten, was genau die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten von Seelsorge und Spiritual Care seien, so der auf der Tagung anwesende Lehrstuhlinhaber Simon Peng-Keller. Auch würden bisher in der Forschung zu Spiritual Care theologische Ansätze kaum berücksichtigt.

Das Spital als Spiegel der Gesellschaft

Zum anderen sind die Spitäler ein Spiegel der Gesellschaft. Das heisst: Immer mehr Patientinnen und Patienten sind konfessionslos oder gehören nichtchristlichen Religionen an. Auch sie sollen seelsorgerliche Betreuung in Anspruch nehmen können. Müssen also die Konfessionen der Seelsorgenden prozentual etwa denen der Patienten entsprechen? Oder sollten Spitalseelsorger unterschiedslos für alle Konfessionen zur Verfügung stehen, egal welcher sie selber angehören?

Beides habe Vor- und Nachteile, so Peng-Keller. Seelsorger der eigenen Konfession könnten durch das Vertraute wohltuend auf die potenziell beängstigende Spitalsituation wirken. Aber oft seien andere Aspekte wie Sprache oder Gender oder die allgemein menschliche Beziehung wichtiger als der konfessionelle Aspekt.

«Besser als gar nichts»

Das entspricht auch den Erfahrungen der an der Tagung teilnehmenden Seelsorger anderer Religionen. So berichtete der Hindupriester Sasikumar Tharmalingam, dass ein Hindu im Berner Inselspital den Besuch eines katholischen Geistlichen mit «besser als gar nichts» kommentiert habe.

Transreligiöse Seelsorge, so Peng-Keller, habe den Vorteil der Distanz, des «Blicks von aussen». Andererseits bestehe das Risiko eines «falschen Eindrucks von Neutralität», denn der Seelsorger habe ja eine bestimmte konfessionelle Identität, und auch die müsse im Gespräch sichtbar werden können. «Wir brauchen ein Chamäleon, das Farbe bekennen kann», so Peng. Auch weil Spiritualität eben nicht nur rein funktional als gesundheitsfördernd betrachtet werden könne. Auch dem konfessionell verankerten «Eigensinn spiritueller Praktiken» müsse Rechnung getragen werden.

Das Problem des Datenschutzes

Bisher gibt es in der Schweiz keine von den Institutionen anerkannten oder gar bezahlten nichtchristlichen Seelsorger. Patienten anderer Religionen werden von Delegierten ihrer jeweiligen Gemeinschaft betreut. Da die Sensibilität für den Datenschutz in den letzten Jahren markant gestiegen ist, erhalten solche Seelsorger von aussen keine Informationen von den Spitälern, wenn eines ihrer Mitglieder sich dort befindet. Dies wurde auf der Tagung insbesondere von jüdischen und muslimischen Seelsorgern beklagt. Für öffentlich-rechtlich anerkannte Kirchen gibt es dagegen in einigen Kantonen erleichterten Zugang. So führte der Aargau nach heftigen Protesten für die landeskirchlichen Seelsorger wieder die sogenannte Widerspruchslösung ein: Die Daten dürfen weitergegeben werden, wenn der Patient dies nicht ausdrücklich verbietet.

Kantonale Bestimmungen

Da die Spitalseelsorge in der Zuständigkeit der Kantone liegt, gibt es auch hierfür gut schweizerisch für jeden Kanton eigene Bestimmungen, wie Kirchenrechtler René Pahud de Mortanges erläuterte. Nicht nur Datenschutz, auch Finanzierung, Anerkennung oder Geltungsbereich sind kantonal geregelt, am detailliertesten in den urbanen Kantonen. Denn in den Städten sei die religiöse Vielfalt schon viel präsenter als in ländlichen Gebieten, in denen es vielfach noch keine oder kaum Regelungen gebe.

Pahud de Mortanges empfahl den Religionsgemeinschaften, bilateral mit den Spitälern Vereinbarungen über einen erleichterten Zugang zu treffen. Von der öffentlich-rechtlichen Anerkennung sollte dieses Anliegen aber entkoppelt werden, da zurzeit das politische Klima ungünstig für die Anerkennung neuer Gemeinschaften sei.

Insgesamt zeigte die Tagung, dass es auf dem Gebiet der Spitalseelsorge gleich mehrere Baustellen gibt. Fest steht nur: Es muss weiter darüber nachgedacht werden, wie in Zukunft jeder und jede die Seelsorge erhalten kann, die er oder sie braucht.