Geschichten aus dem Zürcher Flughafen-Pfarramt

Von Begegnungen mit Menschen aller Art berichtet der Zürcher Flughafenseelsorger Walter Meier im neuen Buch «Flughafengeschichten». Aus jeder der 22 Geschichten - manche echte Tragödien, einzelne heiter - spricht Zuversicht und Gottvertrauen.


Eine Totgeburt im Flugzeug, ein Profibetrüger, ein verunglückter Flughafenarbeiter, Angehörige von Absturz-Opfern, weinende Geschäftsherren, ein Moslem und ein Jude – nebeneinander betend in der Flughafenkapelle: Die Geschichten spiegeln die Vielfalt der Menschen am Flughafen Zürich.

Seit Anfang 1997 ist Walter Meier reformierter Seelsorger im ökumenisch geführten Flughafenpfarramt. In dieser Funktion begegnet er tagtäglich Menschen unterschiedlichster Herkunft mit unterschiedlichsten Sorgen und Problemen. Einige davon hat er aufgeschrieben und gesammelt. Jetzt wurden sie als Büchlein herausgegeben.

Da ist etwa die obdachlose Frau, die seit Jahren am Flughafen lebt, hier mit einem Tauchsieder einfachste Mahlzeiten kocht, ihre Kleider nachts in der Damentoilette von Hand auswäscht und über einem Heizkörper trocknet. Hin und wieder kommt sie ins Pfarramt, trinkt einen Kaffee und plaudert.

Ein Baby stirbt…
Dennoch: Meier weiss nichts von ihr. Erst als sie stirbt, wird deutlich, dass sie in all den Jahren mit vielen Menschen am Flughafen Freundschaft geschlossen hat. Und die Trauergemeinde erfährt von Bekannten aus dem «früheren» Leben der Frau, dass die Akademikerin offenbar aufgrund eines Traumas nach einem Überfall zur Eigenbrötlerin geworden war.

Besonders tragisch ist die Geschichte einer Familie aus der Innerschweiz, die Verwandte zum Flughafen begleitet haben. Plötzlich hört das 12 Tage alte Baby auf zu atmen – es stirbt. Auf dringenden Wunsch der Mutter tauft Meier das verstorbene Kind. Später stellt sich heraus, dass das Kind einen unerkannten schweren Herzfehler hatte. Dieses Vorkommnis werde ihm «bis an mein Lebensende» nachgehen, sagte Meier am 11. Oktober zur Nachrichtenagentur sda. Bei der Taufe habe er sich extrem zusammenreissen müssen – «die Tränen waren mir zuvorderst». Aber bei aller Tragik schimmert Glück durch: Heute habe die Familie gesunde Kinder.

Schnarchender «Hilfssigrist»
Auch heitere Geschichten gibt Meier zum besten. Etwa die eines Alkoholikers «mit besonderem Charme», der ebenfalls im Flughafen Unterschlupf gefunden hatte. Auf sein Angebot, als «Hilfssigrist» beim Gottesdienst mitzuhelfen, stieg der Pfarrer ein. Dass der Helfer während der Predigt anfing zu schnarchen und beim Abendmahl laut und deutlich «Prost» wünschte, nahm Meier ihm nicht übel.

Die längste Geschichte ist jene über den Russen Vitali Kalojew, der 2002 beim Flugzeug-Crash bei Überlingen seine Frau und beide Kinder verloren und 2004 den damals diensthabenden Fluglotsen erstochen hat. Es ist auch die einzige, in der ein Name vorkommt. Kalojew habe ihn von der Schweigepflicht entbunden, sagte Meier, der von Anfang an und noch Jahre danach in Kontakt mit ihm stand.

Bis vor kurzem leitete der heute 61-Jährige das Pfarramt mit seinem katholischen Kollegen Claudio Cimaschi, der neulich als Pfarrer nach Wallisellen ZH gewechselt hat. Heute teilt sich Meier das Amt mit der christkatholischen Priesterin Melanie Handschuh und der katholischen Pastoralassistentin Andrea Thali. Mehr als die Hälfte der Menschen, mit denen er zu tun habe, seien Angestellte des Flughafens oder all der Unternehmen am Flughafen, sagt Meier. Das Flughafenpfarramt stehe damit auch in der Tradition der «Industriepfarrämter».

Buchhinweis: Walter Meier: «Flughafengeschichten». Jordan Verlag 2013, 27 Franken. Lesung am 31. Oktober, 19 Uhr, in der Altstadtbuchhandlung Bülach ZH