Todestag
Er träumte von einem wissenschaftlichen Paradies
Er muss eine schillernde Figur gewesen sein. Als Philosoph war Francis Bacon (1561-1626) wegweisend für den englischen Empirismus und die französische Aufklärung, als Staatsmann brachte er seinen Freund, den Earl of Essex, auf das Schafott. Voltaire nannte ihn den «Vater der experimentellen Philosophie». An einem Experiment ist Bacon denn auch vor 400 Jahren, am 9. April 1626, in Highgate nahe London gestorben: Er zog sich eine Lungenentzündung zu, als er Hühner mit Schnee ausstopfte, um die Haltbarkeit des Fleisches zu testen.
Der Philosoph Francis Bacon wurde am 22. Januar 1561 in London geboren. Sein Vater war «Lord Keeper of the Great Seal» und damit der höchste Jurist im Lande. Seine Mutter, puritanisch und hochgebildet, war Schwägerin von Lord Burleigh, dem engsten Ratgeber Königin Elisabeths I. Der Weg ins Staatsamt schien dem jungen Francis vorgezeichnet.
Grenzenlos ehrgeizig
Aber so einfach war das nicht. Zunächst besuchte er das Trinity College in Cambridge und studierte Jura. Damals lernte er die scholastische Philosophie kennen, die er später so verachtete. Mit seinem älteren Bruder Anthony ging er als Attaché des englischen Botschafters nach Paris, kehrte aber 1579 nach dem Tod seines Vaters zurück. Ohne finanzielle Absicherung musste er nun selbst Geld verdienen. 1582 liess er sich als Anwalt nieder.
Schon im Jahr zuvor war er ins britische Unterhaus gewählt worden. Sein Ehrgeiz war grenzenlos, aber 1593 fiel er wegen eines Widerspruchs bei der Königin in Ungnade. Auch sein Patron, der Earl of Essex, konnte ihm nicht helfen. Als Essex später selbst in Ungnade fiel und 1601 öffentlich gegen Elisabeth rebellierte, sagte Bacon in einem Hochverratsprozess gegen ihn aus, um nicht selbst verdächtigt zu werden.
Erst nach dem Tod der Königin gelang Francis Bacon der ersehnte politische Aufstieg. Unter Jakob I. avancierte er zum Generalstaatsanwalt und brachte als solcher auch den alten Seefahrer Walter Raleigh auf das Schafott. 1618 wurde er zum Lordkanzler und als Baron zum erblichen Vertreter des Hochadels mit Sitz im Oberhaus erhoben.
Tiefer Fall
Umso tiefer war der Fall: 1621 wurde Bacon wegen Bestechlichkeit verurteilt, vier Tage in den Tower gesteckt, für immer vom Hof verbannt und zu einer hohen, aber nie vollstreckten Geldstrafe verurteilt. Er zog sich auf seinen Familiensitz in Gorhambury zurück und widmete sich nun ganz der Philosophie - und seinem Garten, dem er sogar einen seiner 58 brillanten «Essays» gönnte.
Wissen ist Macht
Seine «Meditationes sacrae» mit dem verkürzten geflügelten Wort «Wissen ist Macht» waren schon 1597 erschienen: «Denn auch die Wissenschaft selbst ist Macht», so schrieb er im Original. Und ausserdem: Der Mensch «erkennt nur so viel, als er von der Ordnung der Natur durch seine Werke und seinen Geist beobachtet hat».
Damit hatte Bacon sich innerhalb der Philosophie auf den Weg begeben zum Erfahrungswissen der Renaissance-Philosophen mittels Beobachtung und Experiment. «Scientia experimentalis», experimentelle Wissenschaft, nannte er das. In seinem «Novum Organum» nahm er 1620 sogar das Wissen um die Schwerkraft voraus: «Man muss feststellen, ob es nicht eine magnetische Kraft gibt, die zwischen Erde und Dingen von Gewicht wirkt.»
Das Paradies zurückgewinnen
Zumindest theoretisch fühlte sich Bacon als jemand, der den Menschen das Glück bringt. Er wollte das Paradies mittels Selbstermächtigung über die Natur zurückgewinnen: empirisch und experimentell. In seinem Werk «Nova Atlantis» beschrieb Bacon eine zivilisatorische Utopie: Eine technokratische Menschheit bedient sich aus dem «Warenhaus Natur» zu ihrer eigenen Bequemlichkeit, die Wissenschaft orientiert sich an Effizienz und Anwendbarkeit.
War er der Vater des modernen Gedankens der Selbstermächtigung des Menschen? «Meinetwegen», meint der Bielefelder Philosoph und Bacon-Biograf Wolfgang Krohn. «Aber nur, wenn Macht an Dienen und Lieben gebunden ist. Grundsätzlich halte ich es für falsch, Bacon für die Gegenwartsprobleme, die wir mit dem technischen Fortschritt und insbesondere der ökologischen Krise haben, haftbar zu machen», sagte Krohn dem Evangelischen Pressedienst (epd). «Er bekämpfte ja vor allem die philosophischen Maulhelden, die die Superiorität des Menschen aus der Bibel ableiteten.»