Herr Meier, was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als Sie vom Absturz der Germanwings-Maschine mit 150 Toten erfuhren?
Ich war betroffen und fühlte Trauer, so wie wohl die meisten Menschen. Dann dachte ich an meinen Kollegen von der Flughafenseelsorge Düsseldorf, Pfarrer Detlev Toonen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, welche Kraft er und sein Team nun benötigen, um die bevorstehende Zeit zu bewältigen.
Als langjähriger reformierter Seelsorger am Flughafen Zürich haben Sie bereits mehrere vergleichbare Unglücke miterlebt. Beispielsweise, als 1998 eine Swissair-Maschine vor der Küste Kanadas mit 229 Menschen an Bord abstürzte. Was geschieht ab dem Zeitpunkt, wenn die Nachricht von einem Ernstfall bei Ihnen eintrifft?
Dann nimmt ein bis ins Detail ausgearbeitetes Konzept seinen Lauf, von dem alle bei der Planung immer hofften, dass es nie zur Umsetzung kommt.
Wie muss sich ein Aussenstehender das konkret vorstellen?
Zuerst wird entschieden, welche Kapazitäten bei der psychologischen ersten Hilfe aufgeboten werden müssen. Dabei gibt es uns vom ökumenischen Flughafenpfarramt, die AET-Special-Care mit rund 100 Mitgliedern (AET steht für Airport Emergency Team, Anm. d. Red.) und das Care-Team der Swiss. Bei einem Unglück mit vielen Verletzten und Toten kommen alle drei zum Einsatz. Alarmiert werden die Angehörigen der Care-Teams dann per Telefon.
Bei einem Unglück wie damals bei der Swissair müssen Sie damit rechnen, dass Hunderte von Angehörigen am Flughafen eintreffen. Wie bewältigt man solch eine Extremsituation?
Zu Beginn herrscht das pure Chaos. Die Angehörigen versammeln sich irgendwo am Flughafen und fragen sich durch. Irgendwann gelangen sie dann an unsere Leute. Diese wiederum führen sie in einen von der Polizei kontrollieren Bereich, der sicherstellt, dass sie vor Journalisten und Gaffern geschützt sind. Dort übernehmen wir vom Flughafenpfarramt die Koordinationsaufgabe und teilen den einzelnen Menschen Betreuer aus den Care-Teams zu.
«Wo Gott war, als die Germanwings-Maschine abstürzte? – Ich habe darauf keine Antwort»
Wie gehen Sie als Mensch Walter Meier konkret an solch einen Einsatz heran?
Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass ich ruhig bleiben muss. Dann starte ich mit dem Abarbeiten der Checkliste, Punkt für Punkt. Darunter ist auch jener, dass ich mich emotional auf das vorbereite, was nun gleich kommen wird. Als gläubiger Mensch habe ich natürlich die Möglichkeit des Gebets oder ich kann mit einer mir sehr wichtigen Person telefonieren und diese bitten: «Denk an mich – ich stehe vor einer sehr schwierigen Aufgabe.»
Das Care-Team besteht aus Seelsorgenden der Landeskirchen und aus Psychologen und Psychiatern. Warum benötigt es überhaupt kirchliche Mitarbeitende für diese Aufgabe?
Weil es zu den ursprünglichen Aufgaben der Kirche zählt, Menschen in Not beizustehen, ihnen dabei nahe zu sein und Seelsorge zu leisten. Das beinhaltet aber auch ganz praktische, diakonische Aspekte.
Beispielsweise?
Es sind unspektakuläre Dinge, an die in solchen Momenten gedacht werden muss. Steht Essen und Trinken bereit? Hat es Wolldecken für Menschen, die frieren? Hat’s ausreichend Papiertaschentücher für die Tränen? Und was, wenn eine Person vor lauter Aufregung das Handy nicht mehr findet, um jemanden anzurufen? Wir sind aber auch da, wenn ein Mensch einfach nur gehalten werden will.
Was ist eigentlich, wenn ein Angehöriger zwar Hilfe benötigt, aber diese nicht von einem Pfarrer erhalten will?
Dann reagieren wir natürlich umgehend darauf. Aufgrund meiner Ausbildung – und leider auch meiner Erfahrung mit solchen Situationen – kann ich aber sehr gut einschätzen, welche Person aus dem Care-Team zu welchen Menschen in Not passt. Aber es ist auch falsch zu glauben, dass Seelsorger gleich mit einem Gebet anfangen würden. Nur wenn jemand den Wunsch äussert, gemeinsam zu beten, tun wir das auch.
Was antworten Sie, wenn jemand Sie fragt, wie Gott das Unglück zulassen konnte?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Akutphase diese Frage gar nicht gestellt wird. Was ich aber sehe: Unabhängig von der Religion schöpfen viele gläubige Menschen in solchen Momenten Kraft aus ihrem Glauben. Das ist jetzt keine neue Erkenntnis, aber doch immer wieder erstaunlich, wenn man dies so konkret erlebt. Ein Muslim sagte mir einmal in solch einer Situation, dass er kurz davor sei, seinen Verstand zu verlieren. Das Einzige, was ihn davon abhalte, sei, dass er seinen ganzen Schmerz und seine ganze Verzweiflung vor Gott hinlegen könne mit den Worten: «Übernimm du. Ich bin am Ende meiner Kräfte – und am Ende meines Verstehens sowieso.»
Trotzdem nochmals die Frage: Wo war Gott, als die Germanwings-Maschine über den französischen Alpen abstürzte?
Ich habe keine Antwort darauf. Diese Sprachlosigkeit gilt es aber als Seelsorger zusammen mit den Betroffenen auszuhalten. Was wir als ökumenisches Flughafenpfarramt wollen: Raum schaffen für die Trauer, beispielsweise in einem Trauergottesdienst.