Feministische Theologie

«Erschreckend wenig Genderkompetenz»

Hat die Theologische Fakultät der Universität Zürich in Sachen Feminismus Nachholbedarf? Zu diesem Schluss kommt die Synodale Jacqueline Sonego Mettner. In einem Postulat fordert sie den Kirchenrat zum Handeln auf.
In der Kirche dominiert laut der Synodalen Jacqueline Sonego Mettner immer noch ein patriarchales Gottesbild. Teilnehmende am Demonstrationsumzug des Frauenstreiks 2023 in Zürich. (Bild: Michael Buholzer / Keystone)

Frau Sonego Mettner, in Ihrem Postulat stellen Sie der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ein schlechtes Zeugnis aus. Die feministische Forschung der Gegenwart werde dort weitgehend ignoriert. Woran machen Sie das fest?
Aufgefallen ist mir das unter anderem im Zusammenhang mit unserer Themenreihe «Gott ist keine Spiesserin». Diese Reihe habe ich im vergangenen Jahr zusammen mit Pfarrkolleginnen lanciert, um die patriarchale Tradition in Kirche und Theologie aufzubrechen. Besucht haben die Veranstaltungen auch junge Theologiestudierende. Und für die war die feministische Theologie völliges Neuland. Anscheinend waren sie an der Uni mit dem Thema noch kaum in Kontakt gekommen.

Was müsste sich an der Theologischen Fakultät ändern?
Eine Idee wäre, dass man einen festen feministisch-theologischen Lehrauftrag einrichtet. Zum Beispiel könnte in jedem Semester eine feministisch-theologische Lehrveranstaltung aus wechselnden theologischen Disziplinen angeboten werden. Zudem sollte man bei der Neubesetzung von Lehrstühlen stärker darauf achten, dass auch Vertreterinnen der feministischen Theologie zum Zug kommen.

Ist das bisher zu wenig passiert?
Meiner Meinung nach wurde dieser Aspekt zu wenig berücksichtigt. Die Fakultät begründet das damit, dass man einfach jeweils die besten Lehrkräfte nehme. Eine gute Lehrkraft zeichnet sich für mich aber auch dadurch aus, dass sie die feministische Theologie zur Kenntnis nimmt und darin aktiv ist.

Ihr Postulat richtet sich an den Zürcher Kirchenrat. Dieser bestimmt aber nicht über die Lehrinhalte an der Theologischen Fakultät.
Das ist richtig. Zwischen Kirchenrat und Fakultät finden aber regelmässig Gespräche statt, bei denen die Möglichkeit der Einflussnahme besteht. Schliesslich geht es auch um die Ausbildung der angehenden Pfarrpersonen.

Zur Person

Jacqueline Sonego Mettner (63) ist Pfarrerin im Zürcher Kirchenkreis 2 und seit 2010 Mitglied der Synode. Viele Jahre war sie als Redaktorin der femistisch-theologischen Zeitschrift Fama tätig. Sie ist zudem Initiantin der feministischen Themenreihe «Gott ist keine Spiesserin». Jeweils am 7. jedes Monats feiern reformierte Pfarrerinnen der Stadt Zürich einen experimentellen Gottesdienst «jenseits von Herr & Herrlichkeit».

Sonego Mettner hat im vergangenen Herbst das Postulat «Stärkung Feministisch-theologischer Arbeit» im Zürcher Kirchenparlament eingereicht. Die Exekutive hat zwei Jahre Zeit, um dazu Stellung zu beziehen. (no)

Sie schlagen vor, dass der Besuch einer feministischen Lehrveranstaltung für angehende Pfarrpersonen obligatorisch wird. Steht es so schlecht um die Genderkompetenz der Pfarrpersonen?
Leider ja. Bei angehenden Pfarrpersonen habe ich schon oft beobachtet, dass sie keinerlei Sensorium für gendersensible Sprache haben. Das ist teilweise erschreckend. Auch viele Pfarrkolleginnen und -kollegen halten völlig unverdrossen an den alten Gottesbildern und nur männlicher Sprache fest. Vielen kommt nicht in den Sinn, dass man auch mal weibliche Formen verwenden könnte statt immer von «Gott», «Heiliger Geist» und «Vaterunser» zu reden. Da ist viel Nachholbedarf.

Warum ist feministische Theologie wichtig?
Viele Menschen haben sich heute vom traditionellen Gottesbild abgewandt. Zum Beispiel glaubt kaum jemand mehr an die Allmacht Gottes. Die feministische Theologie nimmt dieses Unbehagen ernst und hat glaubwürdige Antworten darauf geliefert. Beispielsweise  im Gedanken, dass Gott auch schwach sein kann. Auch aktuelle Themen wie Ökologie, der interreligiöse Dialog oder der Umgang mit Minderheiten wurden von der feministischen Theologie kreativ aufgenommen. Daher ist moderne Theologie ohne feministische Aspekte eigentlich nicht denkbar.

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