«Es wird schwierig, das Problem rein kirchlich zu lösen»

Ein Streit über die Unabhängigkeit der ukrainischen Kirche bringt Unruhe in die Orthodoxie. Stefan Kube, Leiter des ökumenischen Instituts G2W, erklärt, was das für die Gläubigen bedeutet und welche Rolle die Politik spielt.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat die Abendmahlgemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat aufgekündigt. Der Konflikt hat sich in den letzten Monaten zunehmend verschärft. (Bild: Keystone/Tass)

Die orthodoxe Kirche erlebt einen neuen Bruch. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel (heute Istanbul) hat sich auf Bitten des ukrainischen Präsidenten für die Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche ausgesprochen. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. ist das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie. Aus Protest hat die russisch-orthodoxe Kirche am 15. Oktober mit Konstantinopel gebrochen. Künftig dürfen keine gemeinsamen Gottesdienste mehr gefeiert werden.

In der Ukraine gibt es bisher drei orthodoxe Kirchen. Neben der ukrainischen-orthodoxen Kirche, die zum Moskauer Patriarchat gehört, gibt es zwei weitere Kirchen, die jedoch in der Gesamtorthodoxie nicht anerkannt waren. Das Ökumenische Patriarchat hat nun diese beiden Kirchen anerkannt und damit die Kirchengemeinschaft mit diesen wiederhergestellt.

Herr Kube, wie gravierend ist die Entscheidung der russisch-orthodoxen Kirche, die Abendmahlgemeinschaft mit Konstantinopel aufzukündigen?

Stefan Kube: Es ist mehr als ein symbolischer Akt, wenn man die eucharistische Gemeinschaft beendet. Dieser Schritt hat die ohnehin schon schwierige Situation zwischen den beiden Kirchen zusätzlich verschärft. Schon vor einem Monat hat die russisch-orthodoxe Kirche entschieden, dass ihre Bischöfe nicht mehr gemeinsam mit jenen des Ökumenischen Patriarchats Gottesdienste feiern dürfen. Nun gilt dies auch für die Priester. Die Gläubigen dürfen dort keine Sakramente mehr empfangen.

Wie stark wirkt sich dieser Entscheid auf den Alltag der Gläubigen aus?

Das lässt sich im Moment noch nicht sagen. Auf der Ebene der normalen Gläubigen dürfte der Entscheid keine grösseren Auswirkungen haben. Man kann auch noch nicht absehen, welche Auswirkungen der Bruch auf die Diaspora und die orthodoxen Bischofskonferenzen  im deutschsprachigen Raum hat. Deren Vertreter haben ihr Bedauern geäussert, sich jedoch zuversichtlich gezeigt, dass die Zusammenarbeit in der orthodoxen Diaspora weiterhin funktioniert. Es wäre ein Verlust, wenn nun diese Gremien lahmgelegt würden. In der Schweiz gibt es erst seit ein paar Jahren eine orthodoxe Bischofskonferenz.

«Es gibt keine kulturellen Unterschiede, wie zum Beispiel zwischen Katholiken und Reformierten.»

Ein Streit um die Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche hat den Bruch ausgelöst. Was bedeutet das für die ukrainischen Gläubigen?

Die Mehrheit der Bevölkerung in der Ukraine bekennt sich zur Orthodoxie. Interessanterweise ergab eine Umfrage kürzlich, dass sich ein Drittel der Gläubigen einfach als «orthodox ohne kirchliche Zugehörigkeit» bezeichnet. Sie definieren ihren Glauben nicht über die Angehörigkeit zu einer der drei orthodoxen Kirchen im Land. Von der Dogmatik her unterscheiden sich diese ohnehin nicht. Es gibt keine kulturellen Unterschiede, wie zum Beispiel zwischen Katholiken und Reformierten. Es geht vor allem um kirchenrechtliche und strukturelle Fragen.

Wollen die ukrainischen Gläubigen überhaupt die Unabhängigkeit?

Eine Mehrheit der Gläubigen will die Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche. Dies gilt insbesondere für die beiden bisher nicht anerkannten Kirchen, aber auch für viele Gläubige der Moskau angehörigen ukrainisch-orthodoxen Kirche. Diese ist intern gespalten. In dieser Kirche gibt es auch Gläubige, die Moskau treu bleiben wollen. Andere wiederum sprechen sich zwar für eine unabhängige Kirche aus, deuten aber die aktuelle Situation als eine Einmischung der Politik in kirchliche Angelegenheiten.

«Die Nähe der russisch-orthodoxen Kirche zu Putin ist bekannt.»

Wie gross ist der Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine?

Die bisher einzig anerkannte ukrainisch-orthodoxe Kirche hat eine enge Verbindung zum Moskauer Patriarchat, aber seit 2014 hat Russland in der Ukraine rapide an Einfluss verloren. In dem Jahr besetzte Russland die Krim. Früher besuchte der Patriarch von Moskau regelmässig die Ukraine. Seit der Annexion der Krim war er nicht mehr dort.

War der Einfluss nur kirchlich oder auch politisch?

Beides. Die Nähe der russisch-orthodoxen Kirche zu Putin ist bekannt. Aber auch die ukrainische Politik mischt sich in kirchliche Angelegenheiten ein. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat seinen Teil zur aktuellen Situation beigetragen. Im April hatte er auf einem Besuch in Istanbul den Ökumenischen Patriarchen um die Unabhängigkeit der ukrainischen Kirche gebeten. Man muss wissen, dass im Frühjahr 2019 Präsidentschaftswahlen sind. Poroschenko nutzt den Kirchenkonflikt für seinen Wahlkampf. Diese Vermischung kirchlicher und politischer Ziele macht es in Zukunft noch schwieriger, das Problem rein kirchlich zu lösen.

Wie stehen die Chancen auf eine baldige Versöhnung unter den orthodoxen Kirchen?

Meines Erachtens eher schlecht. In den letzten Wochen ist der Konflikt zusehends eskaliert und beide Seiten haben sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Es kommt nun vor allem darauf an, wie sich die anderen orthodoxen Kirchen in diesem Streit positionieren. Bedauerlich finde ich, dass ob der politischen Streitigkeiten das Anliegen der ukrainischen Gläubigen nach einer vereinigten Kirche immer mehr in den Hintergrund gerät.


Zur Person

Stefan Kube (Bild: g2w.eu)

Stefan Kube ist Chefredaktor der Zeitschrift «Religion und Gesellschaft in Ost und West» und Leiter des Instituts G2W, einer ökumenischen Fachstelle für Ostkirchen, die unter anderem von Schweizer Kirchen getragen wird. Das Institut engagiert sich für sozial Benachteiligte in Osteuropa und setzt sich für den Dialog zwischen Ost und West ein.