Interview

«Ein gutes Leben hinterlässt viel Liebe»

Carl Achleitner ist professioneller Trauerredner. Worauf er bei seiner Arbeit achtet, warum er hofft, seine Frau werde dereinst eine sprichwörtliche lustige Witwe abgeben, und was das Geheimnis eines erfüllten Lebens ist, erzählt er im Interview.

Der Schauspieler und Trauerredner Carl Achleitner. (Bild: Oliver Betke)

Herr Achleitner, Sie haben gut 2600 Trauerreden in neun Jahren gehalten. Was haben Sie dabei über den Tod gelernt?
So banal das klingt: Dass wir vor dem Tod keine Angst haben müssen. Die Natur scheint tief in uns drin dafür zu sorgen, dass wir in Frieden sterben können.

Das überrascht – viele Menschen scheinen doch Angst vor dem Tod zu haben.
Solange der Tod etwas Abstraktes ist, ist das auch verständlich. Doch wer einmal mit dem Tod konfrontiert ist, vielleicht wie ich sogar über längere Zeit, der verliert die Angst davor. Sterben ist die natürlichste Sache der Welt. Warum sich also davor fürchten? Ich höre seit bald neun Jahren täglich, wie der Weg zum Tod verlaufen ist. «Sie wollte noch nicht gehen» oder «Er hatte noch so viele Pläne» höre ich öfter, aber kein einziges Mal wurde mir erzählt, dass er oder sie Todesangst gehabt oder einen Todeskampf gekämpft hätte.

Womit haben die Sterbenden am meisten Mühe?
Dass sie wissen, dass sie mit ihrem Tod ihren Liebsten Schmerz verursachen und es nicht verhindern können. Als Trauerredner versuche ich, hier Trost zu spenden. Ich sage, dass niemand, der geliebt wurde, jemals tot sein wird. Die Toten sind in der Erinnerung der Lebenden lebendig.

«Wir alle haben einen guten und einen bösen Wolf in uns. Welcher von beiden am Ende stärker ist, hängt davon ab, welchen wir während unseres Lebens mehr gefüttert haben.»

Was empfinden Sie selbst beim Gedanken an Ihren Tod?
Dieses Wissen um den Schmerz, den man anderen antut, ist wohl wirklich das Schwierigste am Sterben, auch für mich persönlich. Genau deshalb gehe ich in meinem Umfeld schon jetzt sehr offen mit diesem Thema um. Damit allen die Furcht etwas genommen wird. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass meine Frau nach meinem Tod die sprichwörtliche «lustige Witwe» ist, die akzeptiert, was nicht zu ändern ist und nach einer Trauerphase ihr Leben neu sortiert, anpackt und geniesst. Ich bin überzeugt, dass sie das schafft. Was mich wiederum sehr beruhigt.

Ihre Erfahrungen haben Sie vor kurzem im Buch «Das Geheimnis eines guten Lebens» festgehalten. Was gehört zu einem guten Leben?
Auch das mag banal klingen: Die Liebe. Wer ein gutes Leben führen will, der hinterlässt bei seinem Tod viel Liebe. Besonders gefällt mir die folgende Metapher: Wir alle haben einen guten und einen bösen Wolf in uns. Welcher von beiden am Ende stärker ist, hängt davon ab, welchen wir während unseres Lebens mehr gefüttert haben. Ich würde deshalb empfehlen sich mal zu überlegen, was wäre, wenn Sie wüssten, dass Sie nächste Woche sterben? Wie würde sich das anfühlen? Was würden Sie machen? Wären Sie zufrieden? Kämen Sie zum Schluss, dass Sie den guten Wolf mehr gefüttert haben als den bösen?

Zurzeit erfahren wir in den Medien täglich, wie viele Menschen an Corona gestorben sind. Der Tod ist so präsent wie schon lange nicht mehr. Hat das Virus Einfluss auf Ihre Arbeit?
Ja, klar. Im Frühjahr habe ich noch nicht so viele Corona-Tote beerdigt, jetzt im Herbst sind es deutlich mehr. Damals wie heute höre ich aber oft, dass Mama oder Papa nicht an Corona, sondern an der Isolation gestorben sind. Nicht nur für die alten Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, sondern auch für ihre Angehörigen ist die ganze Situation eine riesige Belastung. Kommt hinzu, dass für Beerdigungen starke Einschränkungen gelten. So wird vielen das Ritual geraubt, um einen Schlusspunkt hinter die akute Trauerphase zu setzen. Eine sehr schwierige Situation.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Niemand weiss, was nach dem Tod kommt. Auch ich nicht. Denjenigen, die uns etwas anderes sagen, misstraue ich. Himmel, Hölle, Fegefeuer sind menschliche Phantasien, ebenso wie die tausenden «Gottheiten», welche die Menschheit seit ihren Anfängen geschaffen hat. Unser «Lieber Gott» ist nur einer davon. Aber, wer weiss, vielleicht sind die Toten unter uns. Zumindest versuche ich mir bei den Beerdigungen immer vorzustellen, dass der Verstorbene anwesend ist. Das hilft mir.

Inwiefern?
Im Fokus meiner Arbeit stehen zwar die Trauernden, die ich zu trösten versuche. Aber ich möchte auch vor den Verstorbenen bestehen. Sollte das christliche Versprechen, wonach wir uns einst alle wiedersehen werden, sich erfüllen, dann möchte ich nicht, dass sie im Jenseits auf mich zukommen und sagen: «Was hast Du denn da bloss für einen Blödsinn geredet auf meinem Begräbnis?»

«Das Wichtigste bei einer Trauerrede ist ehrliche Empathie. Zu spüren, was den Menschen, die in diesem Moment ganz unten sind, gut tut.»

Sind Sie gläubig?
Nein. Ich weiss, dass ich nichts weiss. Ich bin zwar sehr katholisch aufgewachsen und finde den radikal liebenden Jesus wunderbar. Was die Religionen allerdings aus seiner Botschaft gemacht haben, ist grauenvoll. Ein Blick in die Kirchengeschichte ist ein Blick ins Antlitz von Gewalt, Machtgier und Blutvergiessen im Namen Gottes. Ebenso wenig glaube ich an eine von oben kommende Gerechtigkeit.

Wie meinen Sie das?
Ich habe zu viele Kinder und Jugendliche beerdigt, als dass ich an einen gerechten, liebenden Gott glauben könnte. Gerechtigkeit existiert nicht einfach so, Gerechtigkeit müssen wir in unserem Umfeld schaffen und leben. Als Gesellschaft versuchen wir das zum Beispiel mit Hilfe der Justiz. 

Zur Person

Der Österreicher Carl Achleitner ist Schauspieler und spielte in diversen bekannten Serien und Filmen wie «Kommissar Rex», «Tatort» oder «Soko Kitzbühel» mit. Seit 2012 ist er auch als Trauerredner tätig. In seinem neu im Verlag Edition a erschienen Buch «Das Geheimnis eines guten Lebens» hat Achleitner festgehalten, welche berührenden Geschichten er bei dieser Tätigkeit erlebt hat. (bat)

Dann verzichten Sie bei Ihrer Arbeit gänzlich auf Gebete?
Nein. Es geht nicht um meine Privatmeinung, es geht um die Wünsche und Gefühle der Trauernden. Wenn das gewünscht wird, dann beten wir gemeinsam. Es ist allerdings nicht immer einfach, allen gerecht zu werden, oft besteht mein Publikum aus gläubigen und nichtgläubigen Menschen. Ein stilles Gebet ist dabei oft ein guter Kompromiss. Das Wichtigste bei einer Trauerrede ist aber ohnehin etwas ganz Anderes: ehrliche Empathie. Zu spüren, was den Menschen, die in diesem Moment ganz unten sind, gut tut. Das kann eine sehr ausufernde oder auch eine knappe Rede sein. Bloss nie Standard oder Routine. Eine gute Trauerrede sollte dem Schmerz Raum geben und gleichzeitig tröstlich sein.

Auch Pfarrerinnen halten an Beerdigungen Trauerreden. Sehen Sie sich als Konkurrenz?
Nein. Eher als eine Ergänzung. Auch wenn ich in den meisten Fällen die Feiern alleine halte, gestalte ich ab und zu auch mal einen Abschied mit einem katholischen Pfarrer oder einer evangelischen Pfarrerin zusammen. Bei besonders tragischen Fällen bin ich jeweils froh, dass ich nicht an ihrer Stelle stehe und erklären muss, warum Gott ausgerechnet diesen Menschen hat sterben lassen.

Gibt es ein Schicksal, das Sie besonders berührte?
Davon gibt es viele. Eines ist sicher das meines Schauspielerkollegen Alexander «Xandi» T. T. Müller. Er rief mich eines Tages an und sagte: «Du, ich mache es kurz. Ich habe einen Hirntumor und noch ein Jahr zu leben.» Er war erst 52. Er wünschte sich, dass ich die Trauerrede halte und dass sie lustig werden sollte. Auch diese Geschichte erzähle ich im Buch, weil «Xandi» mich gelehrt hat, wie wichtig es ist, im Angesicht des Todes das Lachen nicht zu verlieren. Der Humor sollte die Menschen daran erinnern, dass das Leben nicht nur voller Schmerz und Trauer ist. Auch wenn es sich im Moment so anfühlt. Dazu gibt es ein schönes Sprichwort des Stoikers Marc Aurel: Der Tod lächelt uns alle an. Das einzige, was wir tun können, ist zurückzulächeln.