«Es geht nicht darum, grossmundig die Schöpfung zu bewahren»

Der Weltklimarat IPCC fordert «nie dagewesene Veränderungen», um die drohende Klimakatastrophe abzuwenden. Markus Huppenbauer, Theologe und Leiter des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik an der Universität Zürich, warnt davor, dass Kirchen deshalb die Apokalypse heraufbeschwören.

Der Weltklimarat warnt vor enormen Schäden für Mensch und Umwelt durch den unbegrenzten Klimawandel. (Bild: Keystone)

Herr Huppenbauer, laut des Uno-Weltklimarates bleiben der Menschheit noch wenige Jahre, um die Klimakatastrophe abzuwenden und den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Was sollte die Kirche tun angesichts dieses apokalyptischen Szenarios?
Ich las den Bericht nicht als Apokalypse. Im Vordergrund stehen für mich Aussagen, wie wir mit genügend politischem Willen eine Chance haben, die Klimaerwärmung auf maximal 1,5 Grad zu beschränken. Die Kirchen sollten diesen Aspekt aufnehmen und nüchtern bleiben.

Inwiefern?
Indem sie sich weiter dafür einsetzen, dass der Treibhausgas-Ausstoss zurückgeht. Ohne apokalyptische Visionen zu beschwören oder Verhaltensvorschriften zu erteilen. Kirchen sind keine Spezialisten für Klimafragen. Dafür gibt es Klimaexperten und andere Wissenschaftler. Die Bibel ist kein Klimaschutzratgeber. Kirchen sollten zudem nicht theologisch übertreiben. Es geht nicht darum, grossmundig die Schöpfung zu bewahren. Dazu sind wir gar nicht in der Lage.

Das ist eine ungewöhnliche Haltung für einen christlichen Ethiker.
Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass künftige Generationen auf einen lebenswerten Planeten treffen. Doch apokalyptische Warnungen und Appelle zu globalem Handeln verunsichern und überfordern die Menschen eher als dass sie helfen. Von da aus gerät man schnell in eine resignative Haltung. Die Kirchen sollten sich nüchtern zwischen Apokalypse und Resignation platzieren.

 

Die Anti-Atom-Kraft-Bewegung war christlich geprägt. Tun die Kirchen heute zu wenig angesichts des Klimawandels?
In den reformieren Kirchen gibt es keine zentrale Autorität, die eine für alle verbindliche Klimapolitik bestimmen könnte. Einzelne kirchliche Akteure, etwa Kirchgemeinden, können jedoch über ihre Immobilienbewirtschaftung und Geldanlagen einiges bewirken. Kirchen sollten dabei aber den Kampf gegen den Klimawandel und einzelne Massnahmen gegen den Klimawandel nicht theologisch überhöhen.

Der Klimaschutz gehört also nicht in den Gottesdienst?
Jedenfalls nicht, wenn es um einzelne Klimaschutzmassnahmen geht. Was sollte man da denn predigen? Dass die Gottesdienstbesucher kein Fleisch mehr essen und nicht mehr fliegen dürfen? Weniger konsumieren sollten? Derartige Appelle haben in einem Gottesdienst keinen Platz. Wennschon sollte man ganz generell moralische Ressourcen motivieren.

Klimaschutz ist doch eine christliche Pflicht.
Ja natürlich, es ist insbesondere eine menschliche Pflicht. Aber nicht alle haben in gleicher Weise zum Klimawandel beigetragen. Und nicht alle profitierten in gleicher Weise vom vergangenen Treibhausgas-Ausstoss.

Die Industriestaaten sind die Hauptverursacher des Klimawandels, Leidtragende sind aber vor allem Menschen in Entwicklungsländern. Wie kann man unseren Lebensstil ethisch überhaupt noch rechtfertigen?
Das ist tatsächlich ein Riesenproblem. Westliche Industriestaaten haben daher eine grössere Verantwortung beim Klimaschutz. Es wäre zynisch, von Menschen in Entwicklungsländern gleich viel Einsatz zu verlangen und ihnen dadurch unseren Lebensstil zu verwehren.

Warum sollte der Einzelne umweltschützend und korrekt leben, womöglich mit Verzicht, wenn nicht einmal der Staat genug dafür tut?
Was jeder Einzelne zum globalen Klimaschutz beitragen kann, mag auf den ersten Blick verschwindend gering erscheinen. Vor allem bei einem komplexen Problem wie dem Klimawandel. Er entspricht den angehäuften Folgen des Verhaltens von Milliarden von Menschen. Jetzt braucht es eine Anhäufung von vielen, unterschiedlichen Lösungen. Es gibt nicht die eine, weltweite Lösung, die alle Akteure politisch unter einem Dach vereint. Dass das klappt, halte ich für unwahrscheinlich. Aber natürlich sollten Einzelne ihre Handlungsspielräume nutzen. Nur schon indem sie Politiker oder Parteien wählen, die sich für den Klimaschutz einsetzen.

Müssen wir also alle Veganer werden und Velo fahren?
Veganer haben in der Regel zwar die bessere Klimabilanz. Aber theologisch gesehen sind sie nicht notwendigerweise bessere Menschen. Wir Menschen müssen uns nicht aufopfern, um die zu Welt retten. Wir sollten uns zwar anstrengen, die nötigen Klimaziele zu erreichen. Aber ob uns das gelingt, liegt nicht völlig in unserer Hand. Das gibt all unserem Handeln eine gewisse Entspanntheit. Trotz düsteren Klimaprognosen dürfen wir das Leben im Hier und Jetzt geniessen.

Was stimmt Sie trotz allem optimistisch?
Der Klimabericht selbst gibt wenig Anlass für Optimismus. Aber dennoch hilft Alarmismus nicht weiter. Gefragt sind nüchterne und engagierte Entscheide. Kirchen können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten.

 

 

 

 

 

Theologe Markus Huppenbauer
(Bild: Frank Brüderli)