Er wollte die Welt romantisieren
Novalis – einer, der Neuland rodet. So wollte Friedrich von Hardenberg genannt werden, als er 1798 seine «Blüthenstaub»-Fragmente zur Veröffentlichung an die Brüder Schlegel sandte. Dabei bezog er sich auf seine Vorfahren, die sich nach ihrem Gut Grossenrode «de Novali» nannten. Neuland mittels Poesie erschliessen und das Ganze mit Rückgriff auf die Vergangenheit – das war typisch für den Dichter, der vor 250 Jahren geboren wurde.
Aus der Vergangenheit stammt auch die symbolische «blaue Blume», die Novalis als Erster in seiner Dichtung verwendet. Sie blühte im imaginären Mittelalter seines unvollendeten Romans «Heinrich von Afterdingen», den Herausgeber Friedrich Schlegel 1802 posthum in «Ofterdingen» umbenannte.
Gleich zu Beginn träumt der Titelheld von einer blauen Blume, die sich als das Gesicht eines Mädchens erschliesst: visualisierter Nachhall auf Novalis' Verlobte Sophie von Kühn, die 1797 in einem blauen Kleid gestorben war. Blau, die Farbe der Nacht und der Ferne, wurde den Romantikern zum Symbol ungestillter Sehnsucht nach dem Unendlichen.
Nur drei Jahre währte das Dichterleben dieses jungen Mannes, der im Jahr 1801 mit 29 Jahren an Tuberkulose oder, nach neueren Forschungen, an der Erbkrankheit Mukoviszidose starb. Geboren wurde er am 2. Mai 1772 als Sohn eines Salinendirektors auf dem Familienschloss Oberwiederstedt in Arnstein, Sachsen-Anhalt.
Eine kurze Liebe
Heute befindet sich dort eine Forschungsstätte für Frühromantik und ein Novalis-Museum. Für Direktor Steffen Schmidt ist Novalis eine «Inspirationsquelle für die Gegenwart»: «Er hat intuitiv die Defizite des Rationalismus erkannt. Novalis war ein Genie, offen für alles und hat mit Leichtigkeit vieles miteinander verbunden.»
Die Familie des Dichters zog 1786 nach Weissenfels. Nach dem Gymnasium in Eisleben studierte Novalis ab 1790 Jura in Jena, wo er Friedrich Schiller begegnete. Auch Friedrich Schlegel lernte er dort kennen, der als Vordenker der Romantik gilt: «Das Schicksal hat einen jungen Mann in meine Hand gegeben, aus dem alles werden kann», schrieb dieser begeistert an seinen Bruder.
In Wittenberg legte Hardenberg 1794 das Jura-Examen ab und begann seinen Dienst im Kreisamt von Tennstedt in Thüringen. Im selben Jahr lernte der 24-Jährige auf einer Dienstreise die zwölfjährige Sophie von Kühn kennen und verlobte sich mit ihr 1795. Zwei Jahre später starb sie.
Dichter, Philosoph, Esoteriker
Ein mystisches Erlebnis an ihrem Grab wurde für Novalis zur «metaphysischen Grunderfahrung», wie der Germanist Hans-Joachim Mähl schreibt, zur Initiation als Dichter: «Ihr Grab blies ich wie Staub vor mir hin – Jahrhunderte waren wie Momente – ihre Nähe war fühlbar.» Denn: «Der Tod macht nur dem Egoismus ein Ende. Das Zufällige muss schwinden, das Gute muss bleiben.»
Aus diesem Erleben speisten sich auch Novalis' «Hymnen an die Nacht», sein lyrisches Hauptwerk. Novalis entwickelte die Philosophie Johann Gottlieb Fichtes zur «unendlichen Idee der Liebe» weiter. Ende 1797 hatte er ein Studium an der Freiberger Bergakademie begonnen, wo er den Untertagebau kennenlernte. «Die Bilder der Nacht und der Bergwelt werden eins», schreibt der Philosoph Rüdiger Safranski über die «Hymnen».
Novalis, 1799 zum Salinen-Assessor befördert, war Dichter, Philosoph und Naturwissenschaftler zugleich. «Der einzige Dichter damals, der fest im Berufsleben stand», sagt Steffen Schmidt. Aber ein Esoteriker war er auch. Inspiriert von dem Mystiker Jakob Böhme war Novalis auf der Suche nach der «Innenseite der Welt», ohne ihre Aussenseite zu vernachlässigen. «Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft», heisst es im 16. «Blüthenstaub»-Fragment.
Spirituelle Erneuerung der Christenheit
Sein Programm legte Novalis in seinen «Fragmenten und Studien» dar: «Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.» Und weiter: «Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert. Indem ich dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.»
Von «magischem Idealismus» sprechen Germanisten wie Mähl: «Ziel der Poesie war die ‹Erhebung des Menschen über sich selbst›.» Nach Novalis' Tod erschien die Rede über «Die Christenheit oder Europa», die eine Erneuerung des Abendlandes als spirituelle Gemeinschaft beschwor.
Als der Dichter am 25. März 1801 nach einem Blutsturz in Weissenfels starb, sass Freund Friedrich Schlegel an seinem Bett. Begraben wurde Novalis auf dem Alten Friedhof von Weissenfels. (epd)