«Inzwischen haben wir auch in Deutschland begriffen, dass nicht Luther allein die Reformation erfunden hat», stellte Margot Kässmann, Botschafterin der evangelischen Kirchen in Deutschland für Reformationsjubiläum, gleich zu Beginn des Gesprächs mit einem ironischen Lächeln klar. Warum der Wittenberger Reformator so populär ist, zum Beispiel als Playmobil-Figur reissenden Absatz findet, und sein Zürcher Pendant nicht – darauf wurde auch am Podium keine abschliessende Antwort gefunden. «Zwingli hängt immer noch der Ruf des nüchternen, sinnenfeindlichen Eiferers an, dabei war er im Gegenteil ein sehr lebensfreudiger Mensch», bedauerte ihr Schweizer Kollege, Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist.
Auch unrühmliche Aspekte des Zürcher Reformators, wie etwa seine Rolle bei der Verfolgung der Täufer, können nicht der alleinige Grund fürs Imageproblem sein. Denn im Zuge des Reformationsjubiläums geraten auch Luthers dunkle Seiten ins Schweinwerferlicht: Seine hasserfüllten Schriften gegen die Juden etwa, die von den Nazis neu verbreitet wurden, um den Holocaust zu rechtfertigen. «Es ist gut, dass Luthers Schattenseiten nun aufgearbeitet werden», sagte Kässmann. Die Synode der Evangelischen Kirchen in Deutschland werde noch diesen Monat entscheiden, in welcher Form sie sich für den Antisemitismus ihres Begründers entschuldigen könne. Die reformierte Zürcher Kirche hat schon 2004 ein Schuldbekenntnis zur Täuferverfolgung abgelegt.
Starke Geschichten
Am Podium kamen nicht nur die Schattenseiten, sondern vor allen die Stärken der beiden Reformatoren zur Sprache. Kässmann zeigte sich beeindruckt von der «Empathie Zwinglis für die Armen.» Als Leutpriester sei er, anders als der Mönch Luther, mit den Nöten der kleinen Leute konfrontiert gewesen und habe diese sehr ernst genommen. Christoph Sigrist wiederum lässt sich bis heute berühren von der «vom leidenschaftlichen Ringen Luthers mit Gott». Und natürlich war im Gespräch zwischen der Lutheranerin und dem Reformierten auch viel von der Bibel die Rede, und vom grossen Verdienst der Reformatoren, diese übersetzt und allen zugänglich gemacht zu haben. «Wie aber wollen Sie das Buch der Bücher heutzutage den Menschen wieder näher bringen?», fragte Felix Reich, Redaktionsleiter von <reformiert.>» und Moderator des Podiums seine Gäste. Nicht aufhören die starken Geschichten aus der Bibel zu erzählen, darüber diskutieren, streiten auch, sind die beiden Reformationsbotschafter überzeugt.
Kreative Differenzen
Ruhig mehr gestritten werden dürfte auch über theologische Uneinigkeiten zwischen den verschiedenen aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen, meinte Christoph Sigrist. Und Margot Kässmann ergänzte: «In der Differenz liegt viel kreative Kraft.» Debatten über Unterschiede seien wichtig fürs gegenseitige Verständnis, auch wenn sie sogar kirchennahen Menschen heute kaum mehr relevant erschienen. Die frühere Bischöfin erzählte, wie ihre eigene lutherische Identität gerade in der Auseinandersetzung mit anderen Glaubensgemeinschaften immer wieder aufs Neue differenziert und auch gestärkt werde.
Klar ist für die beiden Reformationsbotschafter: Das Gespräch ist nicht nur zwischen den Konfessionen, sondern vor allem zwischen den Religionen heute notwendiger denn je. Der interreligiöse Dialog war nicht nur Thema am Podium, weil dieses im Rahmen des Zürcher Festivals der Religionen stattfand. Angesichts von wachsendem Fundamentalismus auf allen Seiten und erstarkenden Feindbildern wünschten sich Sigrist wie Kässmann ein entschiedenes Zusammenstehen der moderaten Kräfte in allen Religionsgemeinschaften.
Christliche Barmherzigkeit
«Ich akzeptiere nicht, wenn Leute, die Hass schüren, für sich in Anspruch nehmen, das christliche Abendland zu verteidigen», betonte Kässmann mit Blick auf islamfeindliche Bewegungen wie der Pegida, die angesichts der vielen Flüchtlinge in Deutschland lautstarker werden. «Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist weltweit für alle Christen eines der wichtigsten Gleichnisse Jesu.» Der Samariter habe dem Menschen, der vor ihm am Boden lag, geholfen, ohne zu fragen, woher dieser komme und woran er glaube. «Barmherzigkeit – das ist ein zentraler Wert des christlichen Abendlandes», so Kässmann.