Ein weiblicher Imam fordert Berner Muslime heraus

Auch Frauen können Imam sein: In einem Freitagsgebet im Berner Haus der Religionen übernahmen erstmals Frauen den Lead. Träumerei oder Trend? Das Projekt zweier muslimischer Feministinnen stösst bei vielen Muslimen auf Skepsis.

Website der Londoner «Inclusive Mosque»-Initiative.
Website der Londoner «Inclusive Mosque Initiative». (Bild: Screenshot inclusivemosqueinitiative.org)

Ein Freitagnachmittag Ende Mai im Haus der Religionen im Westen von Bern. In der Moschee treffen sich rund vierhundert Menschen zum Gebet. Die Form ist traditionell, Männer und Frauen sitzen getrennt, im Zentrum sitzt der Imam Mustafa Memeti. Zur gleichen Zeit im gleichen Haus, ein Stockwerk tiefer.

Zwei Musliminnen haben ebenfalls zum Gebet gerufen. Gekommen sind rund dreissig Personen, viele davon Nicht-Muslime: Sie wollen dabei sein, wenn hier zum ersten Mal ein Freitagsgebet stattfindet, das von Frauen geleitet wird und an dem Männer und Frauen gemeinsam beten.

Geschlechtsloser Gott

Das Gebet initiiert haben Elham Manea und Jasmin El Sonbati. Sie sind Teil der «Inclusive Mosque Initiative», die in London ihren Anfang nahm (siehe Kasten). Nach einer kurzen Begrüssung folgt der Aufruf zum Gebet. Zwei junge Musliminnen aus London leiten es an.

Acht Anwesende, darunter ein Mann, begeben sich dafür zu den ausgerollten Gebetsteppichen. Elham Manea hält die Chutba, die Freitagspredigt. Eine Aufgabe, die sonst einem männlichen Imam vorbehalten ist. Und genau dies macht Manea in ihrer Predigt zum Thema: Sie könne nicht länger akzeptieren, dass viele einen weiblichen Imam als «Ding der Unmöglichkeit» bezeichnen. Dieses Freitagsgebet wolle eine Veränderung, es verlange nach einem Islam, in dem alle Platz haben. Denn auch mit einer Frau an der Spitze sei klar: «Wir beten hier als Menschen, und nicht als Frauen. Wir beten zu einem Gott ohne Geschlecht.»

Provokation

Dass der Anlass im Haus der Religionen stattfindet, kommt nicht von ungefähr. Jasmin El Sonbati sagt, dass es derzeit undenkbar sei, ein solches Freitagsgebet in einer konventionellen Moschee durchzuführen: «Wir sind mit unserer Ausrichtung völlig isoliert von konservativen Muslimen.» Gerade deshalb schätzt sie die Bereitschaft des lokalen Imams Mustafa Memeti, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, auch wenn ein gemeinsames Gebet in weiter Ferne liege.

Auf Anfrage bestätigt Memeti El Sonbatis Einschätzung: «Ich habe vierhundert Leute, die zu mir ins Freitagsgebet kommen. Für die meisten wäre ein weiblicher Imam oder eine Vorbeterin eine Provokation.» Er teile die theologische Haltung des neuen Angebots nicht, sagt Memeti weiter. «Aber ich schätze Elham Manea und Jasmin El Sonbati.» Auch beteuert er, dass er Diversität unterstütze, auch innerhalb der religiösen Gemeinschaften.

Gebet hat «null Bedeutung»

Die Skepsis gegenüber dem neuen Projekt ist auch unter den Anwesenden selber zu spüren. Neben den zahlreichen nicht-muslimischen Sympathisanten hat sich auch eine Handvoll junger Muslime eingefunden. Einer davon ist Ahmad el-Sukri, ein Bekannter von El Sonbati. Mitbeten wollte er allerdings nicht. Sukri, der sich als gemässigter Muslim bezeichnet, macht aus seinen Vorbehalten keinen Hehl: «So etwas hat null Bedeutung für die meisten Muslime.» Seiner Meinung nach ist das Gebet, wie es die Frauen gemacht haben, sogar rituell ungültig. Diesem Urteil würden sich die meisten praktizierenden Muslime hier in der Schweiz anschliessen, ist er sich sicher.

Progressiver Islam braucht Zeit

Auf seine Kritik antwortet El Sonbati: «Die progressive Bewegung muss erst wachsen.» Unter den Muslimen in der Schweiz hätten die Geldgeber aus Saudiarabien oder anderen fundamentalistischen Ländern noch immer das Sagen: «Es braucht Zeit, bis Angebote wie jenes der ‹Inclusive Mosque Initiative› hierzulande Beachtung findet.»

Dass es aber eine Nachfrage gibt, ist für die Initiantinnen Manea und El Sonbati klar: «Unser Angebot wäre für säkular und progressiv denkende junge Muslime, die mit traditionellen Moscheen nichts zu tun haben, interessant. Und von denen gibt es immer mehr.»


 

Die «Inclusive Mosque Initiative» in der Schweiz

Die «Inclusive Mosque Initiative» (IMI) wurde 2012 von einer alleinerziehenden Konvertitin und einer LGBT-Aktivistin in London ins Leben gerufen. Sie ist Teil einer feministisch-emanzipativen Bewegung innerhalb des Islams. Zunächst traf sich die Gruppe privat, später mieteten die Beteiligten Räume, um sich zum Freitagsgebet und für Vorträge und Anlässe zu treffen. Mittlerweile zählt die IMI nach eigenen Angaben mehrere Tausend Anhänger. Neben London sind auch Ableger in Bristol, Leeds, Wales und Schottland entstanden. In naher Zukunft soll die Initiative in London eine eigene Moschee erhalten. Die IMI sieht sich selber als Teil der muslimischen Gemeinschaft, auch wenn sie von konservativen Muslimen teils heftig kritisiert wird.

Die Initiative in die Schweiz getragen haben die Politikwissenschaftlerin Elham Manea und die Gymnasiallehrerin Jasmin El Sonbati. Die beiden Frauen gründeten vor bald zehn Jahren das «Forum für einen fortschrittlichen Islam». Weiter haben sie sich als Publizistinnen in Sachen Islam und Aufklärung einen Namen gemacht.