Herr Schmidt, am 20. Juni sind es zehn Jahre her, dass Sie als Kapitän des deutschen Hilfsschiffs «Cap Anamur» vor der süditalienischen Küste 37 afrikanische Bootsflüchtlinge gerettet haben. An welche Momente erinnern Sie sich besonders?
Ich erinnere mich noch genau: Da war erst nur ein Gummiboot zu sehen. Erst dachten wir, das wären Arbeiter einer Ölbohrplattform. Dann aber sahen wir Notzeichen und wir haben sie an Bord geholt. Aufregend wurde es danach, als die italienische Kriegsmarine uns bedrohte. Als wir fast zwei Wochen mit den Flüchtlingen herumschipperten und uns kein Land in seine Häfen einlaufen liess. Doch es gab auch schöne Momente. Wie etwa der Gottesdienst, den unsere Crew mit den Flüchtlingen in der Ladeluke gefeiert hat. Ihre Augen leuchteten, wir hatten sie ja vor dem sicheren Tod gerettet.
Sie wurden in Italien wegen Schlepperei zu einer Geld- und Freiheitsstrafe verurteilt. Im Oktober 2009 wurden Sie von einem sizilianischen Gericht freigesprochen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Die Woche, die wir im Gefängnis verbrachten, war nicht so schlimm. Ich wusste ja: Wir hatten nichts Verwerfliches getan. Was mich aber zermürbte, war der fünfjährige Prozess, der dann folgte. Und schliesslich das angedrohte Urteil: vier Jahre Gefängnis und 400 000 Euro Geldstrafe. Jeden Monat musste ich nach Sizilien zum Prozess reisen. Ich konnte als Honorardozent an der Seemannschule in Lübeck zwar ein bisschen Geld verdienen, aber als Kapitän arbeiten konnte ich nicht.
Durch Ihr Handeln wurden Sie zu einem Symbol dafür, wie tief Seeleute hineingerissen werden in den Strudel der europäischen Flüchtlingspolitik. Warum liegen Ihnen diese Menschen so am Herzen?
Der Schutz von Flüchtlingen und Migranten, die vor Tod oder Unterdrückung bei uns Zuflucht suchen, ist zu meiner Lebensaufgabe geworden. Diese Erfahrung vor zehn Jahren mit der «Cap Anamur» hat mich zu einem politischen Menschen gemacht. Zudem kann ich vieles nachempfinden. Ich war selbst ein Flüchtlingskind. Ich war drei Jahre alt, als meine Mutter mit mir aus Stettin (heute Polen, d.Red.) in den Westen floh.
Haben Sie noch Kontakt zu geretteten Bootsflüchtlingen?
Mit zwei Männern. Einer spricht am 20. Juni an einer Veranstaltung zum 10. Jahrestag seiner Rettung in der Seemannskirche in Lübeck. Er wurde damals aus Italien nach Afrika abgeschoben. Heute sucht er dort Dörfer auf, um jungen Leuten von seiner Geschichte zu erzählen und sie vor dieser Reise übers Mittelmeer zu warnen.
Sie sind Mitbegründer des Vereins Boderline-Europe. Was ist das Ziel mit dieser Menschenrechtsorganisation?
Die Bürger Europas sollen erfahren, was sich an den Aussengrenzen der EU abspielt. Wir sind vernetzt mit sämtlichen NGO in Europa. Wir erhalten Anfragen von Gerichten, die uns um eine Einschätzung der Lage der Flüchtlinge in Italien bitten. Wir versuchen, Betroffenen konkret zu helfen. Wir haben Fischer mit Spenden unterstützt, die Menschen gerettet haben und danach eingesperrt wurden. Ich halte zudem Vorträge zum Thema Bootsflüchtlinge und werde, wie jetzt im Juni in Zürich, über ihre Lage und über meine Arbeit informieren. Zurzeit sehe ich an diesen Veranstaltungen immer mehr junge Leute, was mich besonders freut.
Worauf führen Sie das gestiegene Interesse zurück?
Es gibt immer mehr junge Leute, die sagen: So eine Welt wollen wir nicht. Ausschlaggebend für dieses neu erwachte Bewusstsein für die Schicksale der Bootsflüchtlinge war gewiss das schreckliche Unglück vor Lampedusa mit Hunderten von Toten vor einem Jahr. Das war ein Fanal. Ausschlaggebend ist natürlich auch die symbolhafte Geste von Papst Franziskus, der 2013 als erstes Kirchenoberhaupt Lampedusa besuchte. Dieser Papst ist für mich der richtige Mann zur richtigen Stunde. Allein sein Satz: «Die Wohlstandskultur bringt uns dazu, nur an uns selbst zu denken. Sie macht uns taub für die Hilferufe der anderen» hat für mich eine enorme Wucht.
Seit 2011 sind Sie Beauftragter des Landes für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen beim schleswig-holsteinischen Landtag. Was möchten Sie dort persönlich erreichen?
Das Ziel ist es, eine Willkommenskultur zu schaffen. 2012 begannen wir mit einem runden Tisch, der sich mit Flüchtlingsthemen beschäftigt. 2013 waren es schon zwölf solche Tische. Heute kommt fast jeden Monat einer dazu. Organisiert werden sie von deutschen Bürgern, die Flüchtlinge kennenlernen wollen. Das alles kommt jetzt immer häufiger vor. Die Leute müssen merken, dass Flüchtlinge auch eine menschliche Bereicherung für uns sein können. Mein Ziel ist es, dass es zum Ende meiner Tätigkeit in jeder Gemeinde unseres Bundeslandes einen solchen runden Tisch gibt.
In welcher Weise werden Sie von der Kirche unterstützt?
Ich werde zu Vorträgen eher von Universitäten und Schulen eingeladen als von Kirchen. Dennoch gibt es etliche schöne Beispiele kirchlichen Engagements für Migranten: Das jährliche Requiem für die Toten an den Grenzen Europas in der Seemannskirche St. Jacobi in Lübeck und der Europakirche in Hamburg oder das Engagement von Kirsten Fehrs, Bischöfin der Nordkirche im Sprengel Hamburg und Lübeck, die sich in deutlichen Wort für die Belange von Migranten einsetzt.
Wie ist heute die rechtliche Lage für Kapitäne, die Flüchtlingen begegnen?
Schiffe, die sich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, sie würden Bootsflüchtlinge retten, laufen Gefahr, in Italien monatelang an die Leine gekettet zu werden. Passiert das, ist ihre Reederei pleite. Und Kapitäne wissen, dass sie eingesperrt werden können. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass Kapitäne wegschauen, wenn sie Bootsflüchtlinge sehen. Wir wissen und bedauern das. Wenn ein Kapitän in Deutschland hingegen an einem sinkenden Boot vorbeifährt und angezeigt wird, dann wird er bis zu sechs Jahren eingesperrt wegen Totschlags durch unterlassene Hilfeleistung. Man muss sich nur an das internationale Seerecht halten. Danach müssen Menschen aus Seenot gerettet werden.
Gibt es die «Cap Anamur» noch?
Das Schiff kam vor zehn Jahren nach Leistung einer hohen Kaution frei. Davor war es acht Monate in Italien festgehalten worden. Sie heisst jetzt «Baltic Bettina» und fährt auf der Ostsee als Containerschiff.
Vera Rüttimann ist freie Journalistin.
Das Interview erschien am 13. Juni 2014 erstmals in der Reformierten Presse.