Ein Gottesdienst mit Hand und Fuss

Was macht eigentlich ein Gehörlosenpfarrer? Er ist Animator, Musiker, Schauspieler, Reiseleiter und nicht zuletzt auch Troubleshooter. Wir stellen einen vor. ref.ch war am Sonntag bei Matthias Müller Kuhn im Gottesdienst in Turbenthal.

«Es braucht noch viele Clowns auf dieser Welt»: Pfarrer Matthias Müller Kuhn spricht im Fasnachtsgottesdienst für Gehörlose mit einem Clown. (Bild: ref.ch/Raphael Kummer)

«Manchmal meinen die Hörenden, man könne Gott nur mit Worten loben», sagt Pfarrer Matthias Müller Kuhn an diesem Sonntagmorgen zu seiner Gemeinde. «Wir können das aber auch mit Händen, mit Lachen und Tanzen und mit Farbe.» Müller Kuhn unterstützt seine Worte mit Gebärden, denn hören können ihn nicht alle Anwesenden – oder nicht alle gleich gut.

Soeben ist das Eingangsspiel zum Gottesdienst verhallt. Keine Orgelklänge, sondern kräftige Trommelrhythmen. Die Gottesdienstbesucher hätten mehr davon, ist er überzeugt. «Sie spüren die Schläge, das lockert und entspannt sie», erzählt er im Vorfeld. Müller Kuhn schlägt die Trommel selbst. Zwei Gehörlose begleiten ihn.

 

Lippenlesen und Gebärdensprache

Seit fünf Jahren ist Matthias Müller Kuhn Pfarrer der reformierten Gehörlosengemeinde Zürich. Zu den Gehörlosen fand er, weil er zum 100-jährigen Jubiläum Portraits über sie schrieb. Inzwischen gestaltet er alle zwei Wochen einen Gottesdienst für sie. Heute findet dieser im «Gehörlosendorf» in Turbenthal statt, einer Stiftung für behinderte Gehörlose. Eine Herausforderung für den Pfarrer: «Hier muss ich behinderten und nichtbehinderten Gehörlosen gerecht werden.»

Es ist Fasnachtssonntag. Ein «farbiger» Gottesdienst soll es werden, verspricht Müller Kuhn. Fast 60 Personen haben sich eingefunden, mehrheitlich ältere. Müller Kuhn stimmt «Lobet und preiset» an und zeigt die Gebärden dazu. Die Gemeindeglieder setzen ein. Sie singen auswendig oder summen; einige begleiten mit Handzeichen.

Müller Kuhn kommuniziert im Gottesdienst sowohl mit Gestik als auch mit deutlichen Mundbewegungen. Er muss zwei Generationen von Gehörlosen gerecht werden: Jener, die das Lippenlesen gelernt hat, und jener, welche die Gebärdensprache beherrscht. Früher sei die Gebärdensprache verboten gewesen. «Man befürchtete, dass sich die Gehörlosen mit der Zeichensprache abkapseln und nicht mehr mit den Hörenden kommunizieren», erzählt Müller Kuhn. Er will den Graben zwischen jüngeren und älteren Gehörlosen überbrücken.

 

Lachanfälle programmiert

Inzwischen spricht Müller Kuhn das «Fasnachtsgebet», wie er es nennt: «Lobet Gott mit Trommeln und lautem Klang. Lobet ihn mit Tanz und Harfe.» Für die Predigt setzt er mehr auf Pantomime als auf Worte. Drei grimmige Masken tauchen auf. Müller Kuhn deutet, wofür sie stehen könnten. Für die negativen Schlagzeilen in den Zeitungen oder die finsteren Gesichter am Montagmorgen in Tram und Zug. Entscheidend sei, wie wir darauf reagierten, meint Müller Kuhn. «Mit Lachen», schlägt er vor.

Er selbst lache viel mehr, seit er mit den Gehörlosen unterwegs sei, sagt Müller Kuhn im Voraus. Es gebe mit ihnen immer wieder unfreiwillig komische Situationen. Und Missverständnisse. Etwa, wenn seine Sätze Annahmen enthielten, wie «Ich hoffe, morgen ist das Wetter schön» und die Gehörlosen «morgen schön» verstehen. Da könne man nur mit Humor reagieren.

 

Sprache aufs Wesentliche reduzieren

Ein Clown tritt auf. Mit Perücke und roter Pappnase. «Es braucht in dieser Welt noch viele Clowns», bemerkt Müller Kuhn, der sich während des Gottesdienstes auch immer mal wieder eine lange, blonde Mähne aufsetzt. Damit erntet er den Beifall der Gemeindeglieder: Sie strecken die Arme in die Höhe und lassen die Hände flattern.

Müller Kuhn bemüht sich um eine Sprache ohne Schnörkel und Nebensätze. Er nimmt für die Vorbereitung seiner Gottesdienste immer wieder auch die «Bibel in leichter Sprache» zur Hand. Die sprachliche Einschränkung sieht er aber auch positiv: «Dadurch muss ich die Inhalte der Gottesdienste neu durchdenken und überlegen, wie ich die Kernaussage vermitteln kann.» Man könne sich das vorstellen wie bei einem Künstler, der nur mit zwei Farben male und trotzdem alles damit ausdrücken müsse. «Vielleicht komme ich damit viel tiefer, als wenn ich mit allen Farben herumklecksen könnte.» Dass er zudem in der Gestaltung der Gottesdienste eine gewisse Narrenfreiheit hat und sein schauspielerisches Talent einfliessen lassen kann, kommt ihm entgegen. «Als Gehörlosenpfarrer kann und muss ich enorm kreativ sein.»

 

Ein Mittagessen ist zwingend

Kurz vor dem Abendmahl, das jedes Mal gefeiert wird, reichen sich die Besucher den Friedensgruss. «Manchmal muss ich diesen richtiggehend unterbrechen», schmunzelt Müller Kuhn. Die Gemeinschaft sei den Gehörlosen extrem wichtig. Ein gemeinsames Mittagessen nach dem Gottesdienst gehöre deshalb immer dazu. «Meistens sitzen sie bis am späteren Nachmittag beisammen und man muss sie fast heimschicken.» Daheim fühlten sie sich isoliert in ihrer stillen Welt.

Einmal im Jahr organisiert Müller Kuhn eine Gemeindereise für Gehörlose. «Im Juni fahren wir in die Toskana.» Trotz der Nähe zu ihnen werde immer eine Distanz bleiben, ist er sich auch nach fünf Jahren im Amt sicher. «Als Hörender werde ich immer Aussenstehender bleiben.» Müller Kuhn spricht denn auch von «einer Welt mit eigenen Gesetzen», aber auch von Spannungen unter den Gehörlosen. So müsse er oft auch die Rolle des Mediators einnehmen.

 

Die verhinderte Kollekte

«Jetzt geht die Fasnacht weiter», ruft der Pfarrer nach dem Unservater, das mit entsprechenden Gesten gebetet wird. Auf einem Tisch liegen Fasnachtsrequisiten bereit. Ohne Hemmung ziehen sich die Besucher etwas über oder setzen eine Perücke auf. Pfarrer Müller Kuhn spricht den Segen. Eine Gehörlose macht sich bemerkbar und erinnert an die Kollekte. Das sei heute etwas kompliziert, meint Müller Kuhn. «Gebt einfach nächstes Mal doppelt so viel», lacht er unter seinen falschen Locken hervor und startet den Umzug durchs Gehörlosendorf hinüber zum Restaurant. Dort warten das Mittagessen und die Gemeinschaft. Der Sonntag hat für die Gehörlosen gerade erst begonnen.