Ein «dritter Weg» soll die reformierte Zürcher Kirche fit machen

Kirchenratspräsident Michel Müller, Kirchenrat Daniel Reuter und Projektleiter Thomas Schaufelberger erläuterten am Dienstag vor den Medien die dritte Phase des Reformprojekts «KirchGemeindePlus».

Kommunikationsleiter Nicolas Mori, Kirchenrat Daniel Reuter, Kirchenratspräsident Michel Müller und Projektleiter Thomas Schaufelberger (von links) an der Medienkonferenz.
Kommunikationsleiter Nicolas Mori, Kirchenrat Daniel Reuter, Kirchenratspräsident Michel Müller und Projektleiter Thomas Schaufelberger (von links) an der Medienkonferenz. (Bild: Matthias Böhni/ref.ch)

Michel Müller skizzierte das Dilemma der reformierten Kirche, einerseits bis zur Verwässerung Volkskirche sein zu wollen, andererseits eine reine Gemeinschaft von Engagierten zu werden, die aber Andersdenkende ausschliesse und im «Meinungsghetto» verschwinde.

Der Kirchenrat plädiere deshalb für einen «dritten Weg»: Die Kirchgemeinden sollen zu «Rahmenorganisationen» werden, die die Aufgaben der Volkskirche wie bisher wahrnähmen, zum Beispiel die Kasualien. An diese Organisationen könnten neu aber auch profilierte Glaubensgemeinschaften selbstorganisiert andocken.

Dies sei nichts weniger als ein «Paradigmenwechsel», sagte dazu Thomas Schaufelberger, eine Art «Selbstempowerment der Gläubigen». In welcher Form sich diese selbstorganisierenden Glaubensgemeinschaften an die neuen Kirchgemeinden angliedern können, solle breit abgestützt und im Dialog erarbeitet werden.

35 bis 40 Kirchgemeinden

Der Kirchenrat hat der Synode dazu einen Antrag formuliert, der 2016 eine halbe Million Franken zusätzlich für die Beratung im Zusammenhang mit «KirchGemeindePlus» vorsieht. Zudem, so Kirchenrat Daniel Reuter, habe sich in den ersten beiden Phasen des Projekts abgezeichnet, dass es am Schluss des Prozesses womöglich nur noch 35 bis 40 Kirchgemeinden seien anstelle der 177 heute.

«Das Ziel ist aber nicht diese oder eine andere Zahl», so Müller. Deshalb habe der Kirchenrat keine Zielvorgaben für fixe Gemeindegrössen formuliert. Allerdings biete sich mit grösseren Einheiten die Chance, dass die Kirchgemeinden ihre Immobilien «professionell» redimensionieren und bewirtschaften können, wie es im Antrag heisst.

Als nächstes muss nun die Synode im November über den Antrag entscheiden. Ist sie einverstanden, könnte der Synode bis im Juni 2017 ein Konzept für die «Rahmenorganisationen» unterbreitet werden, umsetzbar in einer vierten Phase bis im Jahr 2022.

 

Vier Fragen an Projektleiter Thomas Schaufelberger

Thomas Schaufelberger.

Thomas Schaufelberger.

Herr Schaufelberger, Sie sagen, das Ziel des Kirchenrates für die dritte Phase von «KirchGemeindePlus» sei ein Paradigmenwechsel. Was meinen Sie damit?
Mit dem dritten Weg kommt eine neue ekklesiologische Perspektive hinzu, die wir so bisher nicht hatten. Neben die klassische Kirchgemeindearbeit, die viele Angebote für Mitglieder kennt, tritt eine selbstorganisierte Form von Kirche. Menschen finden in den neuen Kirchgemeinden, den Rahmenorganisationen, Räume für eigene Glaubensformen, die sozialräumlich orientiert sind und nicht mehr streng territorial.

 

Ist das nicht schon heute möglich?
Doch, aber heute sind es in der Regel Projekte einzelner Pfarrpersonen. Was ist, wenn diese Pfarrpersonen wegziehen? Dann erlischt auch das Angebot. In einer Kirchgemeinde nach dem dritten Weg ist es möglich, dass Menschen eine Gemeinschaft gründen und selber tragen. Sie ist trotzdem strukturell nachhaltig an die Kirchgemeinde angebunden.

 

Und wenn das gar keinem Bedürfnis entspricht?
Das glaube ich nicht. Erfahrungen im Ausland zeigen, dass Menschen Räume suchen, in denen sie ihre Spiritualität – gemeinsam mit anderen – zum Ausdruck bringen können.

 

Steckt hinter diesem «dritten Weg» von «KirchGemeindePlus» nicht die «hidden agenda» des Kirchenrates, die Zahl der Kirchgemeinden von heute 177 auf 35 bis 40 zu drücken?
Nein, überhaupt nicht. Die Zahl ergibt sich aus einer Analyse der momentan laufenden Gespräche zwischen Kirchgemeinden und ist lediglich eine Beobachtung des Prozesses in den Kirchgemeinden. Aber man sollte sich nicht auf diese Zahlen fixieren, es können am Schluss auch mehr Kirchgemeinden sein. Aber auch weniger. Das hängt nun vom weiteren Fortgang des Prozesses ab.