«Distanzierte Mitglieder sind keine Zweitklass-Christen»

Das Projekt «Lebenslang Mitglied bleiben» will reformierte Kirchgemeinden dazu ermuntern, den Kontakt zu jenen Mitgliedern zu suchen, die sich nicht aktiv am kirchlichen Leben beteiligen. Der angehende Pfarrer Markus Haltiner hat die Testphase des Projekts ausgewertet. Sein Fazit: Es hilft vor allem dabei, Vorurteile gegenüber den Distanzierten abzubauen.

«Ein vollwertiges Mitglied ist auch, wer nicht aktiv am kirchlichen Leben teilnimmt», sagt Vikar Markus Haltiner. (Bild: ZvG)

Herr Haltiner, warum sollen Kirchgemeinden den Kontakt zu Mitgliedern pflegen, die ohnehin nie in der Kirche erscheinen?
Die sogenannten Distanzierten machen rund 70 Prozent aller Kirchenmitglieder aus. Ohne sie wäre die Arbeit der Kirche gar nicht möglich. Dafür bekommen sie seitens der Kirche aber kaum Wertschätzung. Das Projekt «Lebenslang Mitglied bleiben» will dies ändern, indem man diesen Mitgliedern beispielsweise einfach einmal danke sagt. Das ist eine Form der «Member Care», der Mitgliederpflege, wie sie in der Geschäftswelt längst üblich ist.

Sie haben in einer wissenschaftlichen Arbeit sechs Kirchgemeinden näher untersucht, die sich am Projekt beteiligen. Welche Aktionen wurden dort durchgeführt?
Die Massnahmen reichten vom einfachen Geburtstagsgruss über die Willkommenskarte für Neuzuzüger bis zur Dankeskarte für die langjährige ungekündigte Mitgliedschaft und damit indirekt für die Steuerzahlung. Eine Idee in der Aargauer Kirchgemeinde Zofingen fand ich besonders originell. Dort hat man den Mitgliedern ein Jahr vor ihrem runden Geburtstag eine Karte mit einem Gutschein für die lokale Bäckerei geschickt.

Das klingt alles sehr schön. Haben solche Aktionen einen messbaren Erfolg?
Die Wirkung der einzelnen Massnahmen ist kaum messbar. Von der Aktion in Zofingen wissen wir, dass 25 Prozent der Gutscheine eingelöst wurden. Das zeigt zumindest, dass man die Leute damit abholen konnte. Ansonsten gab es immer wieder gute mündliche Rückmeldungen. Weil diese Aktionen in der Regel sehr lokal sind, kriegt man das mit.

Gab es auch Distanzierte, welche die Aktionen als aufdringlich empfanden?
Nicht gut angekommen sind die Aktionen immer dann, wenn sie mit einer Einladung verbunden waren. In einer Kirchgemeinde hat man zum Beispiel versucht, junge Ehepaare im Jahr nach der Hochzeit zu einer Feier einzuladen. Daraufhin hat sich nur ein einziges Paar gemeldet. Das zeigt, dass sich Distanzierte ungern aktivieren lassen. Es ist wichtig, ihre Distanz zur Kirche zu akzeptieren.

Kann ein Kartenversand Kirchenaustritte verhindern?
Ich glaube schon, wenn auch nur in einem bescheidenen Ausmass. Aber dafür gibt es keine empirischen Belege.

Aber genau um das Verhindern von Austritten geht es doch.
Natürlich geht es darum, dass distanzierte Mitglieder möglichst ihr Leben lang in der Kirche bleiben. Etwas anderes zu behaupten, wäre unehrlich. Das Projekt will aber auch die Mitarbeitenden in den Kirchgemeinden zu einem Umdenken bewegen. Bis heute werden distanzierte Mitglieder stiefmütterlich behandelt, man sieht sie als Zweitklass-Christen.

Was hat das Projekt da bewirkt?
In Interviews berichteten mir viele Beteiligte in den Kirchgemeinden, dass sie dank des Projekts Vorurteile gegenüber den Distanzierten abbauen konnten. Man anerkennt, dass man vollwertiges Mitglied sein kann, ohne sich aktiv in der Kirche einzubringen.

Hand aufs Herz: Können solche Projekte den Mitgliederschwund in den reformierten Kirchen langfristig stoppen?
Ich wäre da skeptisch. Die Kirchenaustritte haben sozio-kulturelle Ursachen, die sich nicht einfach beseitigen lassen. Klar ist aber, einmalige Aktionen bringen nichts. Der Erfolg hängt davon ab, dass die Kirchgemeinden dranbleiben.

Markus Haltiner (58) ist gelernter Betriebswirt und arbeitete viele Jahre als Marketingmanager, bevor er sich für das berufsbegleitende Theologiestudium entschied. Zurzeit absolviert er in der reformierten Kirchgemeinde Dübendorf-Schwerzenbach sein Vikariatsjahr. Seine Masterarbeit «Der Umgang mit distanzierten Kirchenmitgliedern» hat er im Sommer 2018 abgeschlossen.