Interview

«Die Reformierten müssen umso genauer hinschauen»

Deutsche Katholikinnen und Katholiken haben sich unter dem Schlagwort #OutInChurch als homosexuell geoutet. Das wirft hohe Wellen. Die reformierte Theologin Sabrina Müller findet, dass diese Aktion auch die Reformierte Kirche etwas angeht.

Sabrina Müller solidarisiert sich mit der Bewegung #OutInChurch. Sie nimmt die Aktion als Anlass, sich auch in der reformierten Kirche mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Sabrina Müller, wie präsent ist #OutInChurch in der Schweiz?
Es ist in der römisch-katholischen Kirche ein grosses Thema. Diese ist eine Weltkirche und deren Lehre, die #OutInChurch kritisiert, gilt auch in der Schweiz. Ich hoffe, dass sich die Bewegung von Deutschland aus in weitere Länder ausbreitet.

Interessiert Sie diese Bewegung auch als reformierte Theologin?
Ich finde einerseits Unterstützung und Solidarität sehr wichtig. Andererseits möchte ich auch die reformierte Kirche anmahnen, das Thema nicht einfach als katholisches Problem abzutun. Es betrifft auch uns.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Vor zehn Jahren noch war es für schwule Kollegen schwieriger, eine Pfarrstelle zu finden. Auch heute kann die sexuelle Orientierung noch eine Hürde sein. Zudem können Pfarrpersonen die Segnung eines homosexuellen Paares nach wie vor ablehnen. Es gilt die Gewissensfreiheit, die als Diskriminierung aufgefasst werden kann. Ausserdem beobachte ich, dass homosexuelle Menschen in Kirchgemeinden häufig keinen Anschluss finden. Das Angebot ist nicht auf sie ausgerichtet. Das lässt sich oft auch schon am Bildmaterial erkennen, das Kirchgemeinden verwenden.

Zur Person

PD Dr. Sabrina Müller ist seit 2021 Leiterin des Universitären Forschungsschwerpunkts (UFSP) «Digital Religion(s)» und Mitglied der Leitung des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich. Sie habilitierte in Praktischer Theologie an der Universität Zürich zum Thema Religiöse Erfahrung und ihre transformative Kraft und zum Thema Fresh Expressions of Church, Ekklesiologische Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung. Zuvor war Sabrina Müller als Pfarrerin tätig.

Was sieht man da?
Meist zeigen Broschüren oder andere Unterlagen Familien, die aus Mutter und Vater bestehen, dazu zwei Kinder, am besten noch ein Bub und ein Mädchen. Vielleicht werden auch noch Bilder von Senioren und Seniorinnen verwendet. Zwar sagen die Kirchgemeinden, dass sie inklusiv sind. Die Bilder zeigen aber etwas anderes.

Homosexuelle Menschen werden folglich auch in der reformierten Kirche diskriminiert.
Es ist keine offene Diskriminierung, die in der Kirchenordnung festgehalten ist. Aber nur weil die Kirche ein Statement zur «Ehe für alle» abgegeben hat, ist noch nicht alles geklärt. Es findet eine strukturelle Diskriminierung statt. Weil diese diffuser ist, müssen die Reformierten umso genauer hinschauen.

Dennoch: eine offene Diskriminierung kennt die reformierte Kirche nicht. Ist sie weiter als die katholische?
Die Frage ist immer, was mit «offener Diskriminierung» gemeint ist. Wenn auf die Strukturen verwiesen wird, sind die definitiv anders. In der katholischen Lehre ist die Ehe als Institution zwischen Mann und Frau mit dem Ziel der Fortpflanzung sehr stark. Das lässt sich nicht so einfach umstossen. Zudem ist die katholische Kirche eine Weltkirche, da kommen ganz unterschiedliche Meinungen zusammen. Dennoch erleben LGBTQI+-Personen auch in der reformierten Kirche Diskriminierung. Meine Hoffnung ist, dass wir alle auf dem Weg zu mehr Inklusion sind.

«Wir brauchen offene Diskurse und Dispute. Meinungsunterschiede gehören zur reformierten Freiheit.»

Inwiefern?
Die Schweizer Reformierten sind viel kleiner, die Meinungsunterschiede sind nicht ganz so gross, weil wir alle aus dem gleichen Land stammen und keine Weltkirche sind. Aber natürlich gibt es die Meinungsunterschiede auch bei uns. Es gab zum Beispiel einige Gegnerinnen und Gegner der «Ehe für alle» aus reformierten Kreisen.

Was könnte die reformierte Kirche tun, um diese Meinungsunterschiede anzugehen und die Inklusion von LGBTQI-Personen zu verbessern?
Wir brauchen offene Diskurse und Dispute. Meinungsunterschiede gehören zur reformierten Freiheit. Aber wir müssen uns immer wieder reflektieren und für das Thema sensibilisieren. In der Kirchgemeinde Zürich wurde beispielsweise ein Pfarramt geschaffen für LGBTQI-Personen.

«Unsere Kirche hat in Bezug auf strukturelle Diskriminierung, Sexismus und Rassismus auch viele blinde Flecken.»

Sie solidarisieren mit #OutInChurch. Wie zeigen Sie Ihre Unterstützung?
Mit meinem Gesicht und meinem Namen teile ich die Aktion in den Sozialen Netzwerken. Als Theologin möchte ich mich auch in der Kirche mit dem Thema auseinandersetzen. Mit meinen Studierenden lese ich ab und zu Texte aus der «queer theology». Da geht es auch um andere Arten der Diskriminierung wie Rassismus oder Sexismus. Nicht nur LGBTQI-Personen sind in der Kirche untervertreten. In kirchlichen Unterrichtsmaterialien muss man jeweils mit einer Lupe suchen, bis man eine Person anderer Hautfarbe findet. Auch das Bild einer Pfarrperson ist etwa in ländlichen Gegenden noch von traditionellen Rollenverständnissen geprägt. Natürlich hat sich vieles verbessert und man kann das nicht verallgemeinern.  Was ich sagen will: Unsere Kirche hat in Bezug auf strukturelle Diskriminierung, Sexismus und Rassismus auch viele blinde Flecken.

Was erhoffen Sie sich von der Aktion #OutInChurch?
Meine grosse Hoffnung wäre, dass sie Änderungen in der katholischen Lehrmeinung zur Folge hat. Ich zweifle etwas daran, weil das eine sehr stabile Weltkirche ist. Meine kleine Hoffnung ist, dass sich die Sensibilität für Diskriminierung vergrössert, wie das bei #MeToo der Fall war.