«Die reformierte Kirche ist nicht zu spät in Sachen Prävention»

Seit Kurzem findet man auf der Website der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) Empfehlungen zur Prävention von Missbrauch und Grenzverletzungen. Der Rat des damaligen Kirchenbunds hatte dies 2016 beschlossen. Warum diese Empfehlungen erst jetzt kommen und warum die EKS nur eine Koordinationsrolle übernimmt, erklärt die Projektverantwortliche Bettina Beer im Interview.

Bettina Beer-Aebi ist bei der EKS für das Projekt «Prävention von Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen» zuständig.

Frau Beer, zu Beginn eine grundsätzliche Frage: Das Projekt der EKS heisst «Prävention von Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen». Was ist mit «Grenzverletzungen» genau gemeint?
Grenzverletzungen finden meist in einer Grauzone statt, wo nicht so klar ist, ob tatsächlich ein Übergriff stattgefunden hat oder nicht. Wenn zum Beispiel ein Pfarrer in einem Seelsorgegespräch einer Person die Hand auf die Schulter legt, kann das völlig unverfänglich gemeint sein, aber das Gegenüber empfindet es als Grenzverletzung. Immer, wo wir auf asymmetrische Beziehungen und ein Machtgefälle treffen, können diese Grauzonen entstehen. Darauf muss man besonders achten, gerade in der Seelsorge, in der Jugendarbeit und in der Arbeit mit Kindern.

Gibt es Zahlen zu Übergriffen oder Missbrauch in der evangelisch-reformierten Kirche?
Auf nationaler Ebene wird keine Statistik geführt. Wenn, dann nur von den Kantonalkirchen.

Welche Massnahmen hat die EKS nun getroffen, um Grenzverletzungen zu vermeiden?
Die Hauptverantwortung liegt bei den Kantonalkirchen und Kirchgemeinden. Sie stellen das Personal an. Viele Kirchen haben deshalb schon ein Schutzkonzept. Von der EKS gibt es seit dem Herbst Empfehlungen an die Mitgliedkirchen. Diese kann man nun auch online abrufen.

Das heisst, die EKS übernimmt keine aktive Rolle?
Die EKS hat eine Koordinationsfunktion, die Hauptaufgabe liegt bei den Kantonalkirchen. Und diese engagieren sich teilweise schon sehr aktiv in diesem Bereich. Andere hatten vielleicht bisher nicht die Ressourcen dazu und sind nun sehr froh über die Empfehlungen der EKS.

Aus dem Kirchenbund wurde per Anfang Jahr eine Kirche. Will die EKS nun stärker den Lead gegen Grenzverletzungen übernehmen?
Der Lead wird immer bei den Kantonalkirchen liegen. Die EKS koordiniert, unterstützt und bietet Weiterbildungen an. Das haben sich die Kantonalkirchen so gewünscht. Aber das Thema hat bei uns hohe Priorität, es ist auch auf unserer neuen Homepage sehr prominent angesiedelt.

Wo stehen die einzelnen Kirchen, besteht noch Handlungsbedarf?
Zwei Drittel der Landeskirchen haben jetzt ein funktionierendes Schutzkonzept. Andere nehmen die Empfehlungen von uns als Anstoss, ihre Massnahmen anzuschauen und gegebenenfalls zu überarbeiten. Und einige konnten sich bisher noch nicht um das Thema kümmern, wir hoffen, dass diese das nun auch angehen können.

Hat die EKS selbst auch ein Schutzkonzept?
In der Geschäftsstelle der EKS in Bern arbeiten 33 Mitarbeitende. Da es keine Freiwilligen oder Minderjährige dort gibt, haben wir auf ein umfangreiches Schutzkonzept verzichtet. Wir arbeiten aber mit einer externen Ombudsstelle zusammen, an die man sich wenden könnte. Sie ist allen im Haus bekannt.

Die Kantonalkirchen finanzieren den Grossteil der Prävention und der Bekämpfung von Grenzverletzungen.

Für das Projekt waren bei der EKS 10‘000 Franken eingeplant. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat allein für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen 1,3 Millionen Euro gesprochen.
Es ging nicht darum, ein komplett neues Konzept zu erstellen, sondern die funktionierenden Ansätze unserer Mitgliedkirchen auszuwerten und zusammenzubringen. Dafür hatten wir genug Mittel. Und man darf nicht vergessen, dass die Kantonalkirchen ja den Grossteil der Prävention und der Bekämpfung von Grenzverletzungen finanzieren. Deshalb gibt die reformierte Kirche in der Schweiz insgesamt viel mehr Geld aus als nur 10‘000 Franken.

Die römisch-katholische Kirche beschäftigt sich schon länger intensiv mit dem Thema Missbrauch und Grenzverletzungen. Ist die reformierte Kirche zu spät?
Das Thema ist in den Kantonalkirchen schon lange aktuell. Manche überarbeiten schon wieder ihr erstes Schutzkonzept, das sie vor 20 Jahren erstellt haben. Ich finde also nicht, dass man zu spät ist. Zudem war die EKS bisher ein Dachverband. Der Kirchenbund nahm nur die Aufgaben wahr, die die Kantonalkirchen ihm zugeteilt hatten. Die EKS muss jetzt rausfinden, welche Aufgaben sie genau übernehmen will.

Wie geht es weiter mit dem Projekt gegen Grenzverletzungen?
Das Projekt wird ausgewertet. Diese Auswertung geht zurück in den Rat der EKS. Ein Entscheid über die Zukunft steht also noch aus. Das Feedback von Verantwortlichen in den Kantonen ist bis jetzt aber sehr positiv.

 

Zur Person: Bettina Beer-Aebi ist Pfarrerin und Beauftragte für Kirchen bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Sie ist verantwortlich für das Projekt «Prävention von Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen».