Die Menschenrechte sind kein christliches Monopol

In Politik und Gesellschaft wird in jüngster Zeit immer wieder der Ruf laut, die christlichen Werte zu verteidigen. Oft geschieht dies in Abgrenzung zum Islam. Das Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog (ZIID) lud zur Diskussion über die aktuelle Wertedebatte.

Diskutieren über christliche Werte: Daniel Bogner, Gerhard Pfister, Esther Straub und Abt Urban Federer. (Bild: ZIID/Michel Bollag)

«Unsere christlichen Werte: Leere Worthülse, politischer Kampfbegriff oder universelle Basis für ein Leben in Vielfalt und Differenz?» Samuel Behloul, neuer Fachleiter Christentum beim ZIID, eröffnete den Abend mit dem Titel des Podiums. Zur Diskussion über den ambivalenten Umgang westlicher Gesellschaften mit dem Thema war auch CVP-Präsident Gerhard Pfister eingeladen. Vor kurzem hat er mit der Aussage, der Islam gehöre nicht zur Schweiz, für Aufsehen gesorgt. Angesichts von Terror, Migrationskrise und Angriffen auf das westliche Lebensmodell, sei eine Wertedebatte dringend nötig, forderte er schon bei der Wahl zum Parteipräsidenten.

 

Irreführende Debatte

Braucht es überhaupt eine Wertedebatte? Diese und viele andere Fragen diskutierten die Zürcher Kirchenrätin Esther Straub, der Einsiedler Abt Urban Federer, der Moraltheologe Daniel Bogner von der Universität Fribourg und der Politiker Pfister.

Esther Straub betonte: «Als christliche Werte werden in der öffentlichen Diskussion meist Werte wie Freiheit und Gleichheit proklamiert, die sowieso in der Verfassung stehen und für alle verbindlich sind». Über ihren Ursprung zu diskutieren, sei überflüssig. «Als christlich werden diese Werte reklamiert, wenn eine Hierarchie zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen hergestellt werden soll.»

Dem pflichtete Urban Federer bei: «Nach solchen Wertedebatten weiss ich zwar immer noch nicht, was christliche Werte sind, dafür habe ich viel darüber erfahren, was im Islam schiefläuft.» Hinter der Wertedebatte stünden viele Ängste, ist der Abt überzeugt. «Als Christen sollten wir wieder mehr über die Hoffnung sprechen».

 

Normen statt Werte

Auf der Seite der Theologie war man sich einig: Wichtige christliche Werte wie die Menschenrechte sind in der Verfassung als Grundrechte festgeschrieben. Andere Werte können in einer pluralistischen Gesellschaft nur vorgelebt und diskutiert, nicht aber als Normen eingefordert werden. Und: Wenn christliche Werte hierzulande bedroht sind, dann zuallererst durch die fortschreitende Säkularisierung. Oder durch wirtschaftliche und politische Entwicklungen, wie der Ethiker Bogner zu bedenken gab: «Wenn Gewinnmaximierung über der Menschenwürde steht, Solidarität aufgekündigt wird, gehen wichtige christliche Werte verloren.»

Gerhard Pfister räumte ein, dass es korrekter wäre in der Politik von Normen statt Werten zu sprechen. Gegenüber dem Rechtstaat könne man sich nicht auf persönliche Weltanschauung, Religion und kulturelle Tradition berufen. «In einer liberalen Gesellschaft werden Konflikte über demokratische Prozesse gelöst.» Und: «Einen Volksentscheid gilt es zu akzeptieren, auch wenn er der eigenen Überzeugung widerspricht». In der vorangehenden politischen und gesellschaftlichen Debatte aber schätzt Pfister den Streit um Meinungen und Werte.

 

Kein christliches Monopol

Voten aus dem Publikum führten die komplexe Diskussion wieder zurück zur Frage der Ausgrenzung anderer Religionen durch die Wertedebatte. Gerhard Pfister erklärte zu den Vorwürfen: Er habe gesagt, der Islam gehöre nicht zur Schweiz, weil er seine Kultur nicht historisch geprägt habe. «Im selben Atemzug habe ich betont, dass die Muslime, die hier leben, sehr wohl zur Schweiz gehören.»

Gleichwohl erntete der CVP-Politiker Kritik aus der Podiumsrunde. «Sie hätten auch sagen können: Der Islam gehört zur Schweiz, weil hier Musliminnen und Muslime leben», meinte etwa Bogner. In vielen Punkten aber war sich die Podiumsrunde einig. Zum Beispiel darin: Die Grundlage für ein gutes Zusammenleben sind die Menschenrechte. Und diese sind kein christliches Monopol.

 

Christa Amstutz/reformiert.info
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».